Wenn Kirche improvisiert

Shownotes

Nach einem Jahr in Baltimore kehrt Pfarrer Martin Ferrazzini, auf Social Media bekannt als pfarrazzini, mit neuen Ideen nach Bern zurück. Im Gespräch erzählt er, weshalb das Pfarramt für ihn der "geilste" Beruf der Welt ist, was Schweizer Kirchgemeinden von amerikanischer Willkommenskultur lernen können – und warum Kirche mehr Improvisation vertragen würde. Die Grundregel des Impro-Theater «Ja, und …» ist für Ferrazzini auch eine Lebens- und Glaubenshaltung: Situationen annehmen, gemeinsam weiterdenken und den Mut haben, etwas auszuprobieren. Denn Scheitern gehört dazu – auf der Bühne ebenso wie auf der Kanzel.

Themen dieser Episode:

  • Warum Martin Ferrazzini seinen Beruf liebt
  • Familienleben und Alltag während eines Jahres in Baltimore
  • Soziale Gegensätze und politische Spannungen in den USA
  • Unterschiede zwischen amerikanischen und Schweizer Kirchgemeinden
  • Was eine gute Willkommenskultur ausmacht
  • Kirche und Social Media: Resonanz, Algorithmen und kleine Plastik-Jesusse
  • Improvisation als Methode für Gottesdienst und Gemeindearbeit
  • Die Kraft des Prinzips «Ja, und …»
  • Warum Scheitern zur kirchlichen Erneuerung gehört
  • Neue Formate zwischen Pommes frites-Suppentag, Totentanz und Sonntagspredigt
  • Wie Kirche zeitgemäss sein kann, ohne jedem Zeitgeist hinterherzulaufen

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00:00:00: Martin: Meine Konfirmandinnen haben nicht das Recht, das Wort aber zu sagen Ich, ich, ich will. Ja, ich meine, es ist ein Experiment auch. Und ich sage Ihnen auch, Sie sollen dann mich ermahnen. Wenn ich aber sage, ich will versuchen, in diesem Jahr immer nur in Diskussionen mit einem Ja und deutlich zu machen.

00:00:18: Michèle: Heute kleines Interview. Special Bei Reflex Nach einem Jahr im arbeitsfreien Aufenthalt in Baltimore kehrt Pfarrer Martin Ferrazzini zurück nach Bern. Voller Ideen, warum die Kirche mehr Improvisation wagen darf, warum Amerikaner einfach besser im Begrüßen sind und was Leidenschaft im Pfarramt eigentlich bedeutet, das verrät er mir jetzt. Los geht's.

00:00:40: Stationvoice: Reflex Dein Podcast zur Kirche und Gesellschaft. Themen, die dich bewegen. Wir diskutieren Sie ein Podcast der evangelisch reformierten Kirche Schweiz.

00:00:51: Michèle: Hallo zusammen, mir hört Reflex euren Podcast für evangelisch reformierten Content. Heute grüßen wir alle Leute, die uns aus der Türkei zuhören. Ich habe nämlich eure Klicks gesehen. Merci. Ich habe hier jemanden im Studio, der Jesus im wahrsten Sinne des Wortes in die Tasche gesteckt hat. Und auch in die Küchenschublade und ins Federmäppchen. Keine Sorge. Mein Gast ist weit entfernt von Blasphemie. Aber er hat eine Ladung kleiner Plastikjesus vor einigen Monaten bestellt und als Aufhänger für ein Instagramreel benutzt. Clevere Idee. Ich sage Herzlich willkommen, Martin Ferrazzini

00:01:25: Martin: Hallo. Besten Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr.

00:01:27: Michèle: Du hast auf Social Media schon eine schöne Selbstbeschreibung hochgeladen. Da mache ich es mir doch einfach und lese die mal vor. Ich bin Pfarrer in den Nordquartieren der Stadt Bern. Kreativer Chaot mit ausgeprägten Improvisationsdrang und fast immer mit den passenden Gadget. Nach zehn Jahren im Beruf bereue ich meine Berufswahl absolut nicht. Hashtag Traumberuf. Zu gern nehme ich teil an Lebensgeschichten. Denke an große Fragen, feiere Gottesdienst, verbindet Tradition. Und heute? Zu meinen Arbeitsgeräten gehört neben der Bibel eine Bombe, eine Ostersonnenbrille, Weihnachtskrawatten, Tarnfarbe, Wasserpistolen, tanzende Skelette, kitschige Dekorationen und vieles mehr. Fun Fact Als großer Liebhaber schöner Hüte ist mein Hutsortiment außerordentlich assortiert. Dazu besitze ich etliche farblich passende Schuhe für alle möglichen Einsätze und eine Vielzahl an Sonnenbrillen. Ich mache mal den Lanz. Darüber wird zu reden sein. Ja, du bist ja auch online aktiv als Fahrer. Zini. Würdest du denn heute diese Selbstbeschreibung auch noch so machen?

00:02:34: Martin: Es war lange her, seit ich die geschrieben habe, aber ich würde kein Wort ändern. Wahrscheinlich noch. Stimme doch ziemlich gut.

00:02:41: Michèle: Und du bist gerne mit Basecap unterwegs, mit Bart. Du machst Reels. Sind die Menschen manchmal überrascht, wenn du dann nach deinem Beruf gefragt wirst und du sagst Ich bin Pfarrer?

00:02:52: Martin: Gibt's sicher auch. Ich Ich achte da gar nicht mehr so drauf. Und ich finde es auch nicht irgendwie was Besonderes. Das bin einfach ich. Das drückt dann irgendwie durch, dass ich ich bin und nicht ein besonderer Pfarrer. Ich fühle mich das normale Ich. Ja, ich sehe so aus. Ich habe schon immer Hüte getragen. In einer Schule. Vor langer, langer Zeit, vor über zwanzig Jahren, hatte ich den Übernamen Cappello, also Hut, weil ich einfach immer einen Hut getragen habe. Schon damals, bevor ich eine Glatze hatte. Und das gehört einfach zu mir.

00:03:21: Michèle: Du sagst ja über deinen Job Pfarrer sein ist der geilste Beruf der Welt. Warum?

00:03:27: Martin: Ja, ich. Ich meine, als Pfarrer Pfarrerin darf man ja fast alles. Also man kann so voller mit dem, was man ist, alles reingeben. Ich werde nicht gut im Büro, wo ich irgendwie was tun muss. Zwingend immer, was andere mir sagen. Ich bin so froh, dass ich einfach mit meiner Art, in diesem, in diesem Leben stehen kann. Mit Menschen unterwegs sein kann, mit Jugendlichen, mit Älteren, mit Tauffamilien. Dass einfach so diese Kombination. Ich weiß, das Wort Geist ist vielleicht nicht im kirchlichen Kontext nicht das gebräuchlichste. Aber doch. Ich finde, es ist der Job, der geilste Job.

00:04:06: Michèle: Hat sich das schon von langer Hand abgezeichnet, dass du Pfarrer werden wolltest, oder? Wie ist es dazu gekommen?

00:04:13: Martin: Ich glaube, da gab es eine Außen und eine Innenperspektive. Für mich war immer klar Nein, das werde ich ganz sicher nicht. Mein Vater war Pfarrer, ich bin im Pfarrhaus aufgewachsen, mit Sicht aus dem Kinderzimmer auf den Friedhof. Das war für mich so völlig normal zu sehen, wie da Leute weinen. Und ich habe auch dem Friedhofsgärtner geholfen, Gräber auf und zuzuschaufeln. Das war irgendwie normal. Ich habe zwei Brüder. Wir haben uns hinter den Grabsteinen versteckt, mit einer Pistole. Und dann haben wir so Cowboy gespielt. Das war irgendwie völlig normal. Aber Pfarrer wollte ich nie werden. Ich wollte Zahntechniker werden und da gab es glücklicherweise keine Stelle frei. Und Leute haben immer gesagt Ja, du wirst sicher Pfarrer. Und ich habe immer gesagt Nein, sicher nicht. Und dann, irgendwann wurde ich es doch.

00:05:00: Michèle: Man will sich ja von dem abheben, was die Eltern gemacht haben.

00:05:03: Martin: Ja, genau. Und mein Vater hat lange nichts dazu gesagt. Es sei eine gute Entscheidung. Es sei eine schlechte Entscheidung. Er wollte es mir überlassen. Und als es dann klar war, hat er gesagt. Perfekt. Dann sei ich sein Altpapier. Problem gelöst. Weil ich die Bücher übernehmen konnte. Ein Großteil.

00:05:19: Michèle: Und wann hast du dann begonnen, dein Berufsleben auch auf Social Media zu teilen?

00:05:24: Martin: Ich würde sagen, vielleicht vor vier, fünf Jahren. So was. Wir waren zwei tausend neunzehn zwei tausend zwanzig bereits in den USA. Und irgendwann danach, als ich wieder zurück in der Schweiz war.

00:05:35: Michèle: Wir müssen zu dem wir sagen Das sind du und deine Frau und deine Kinder.

00:05:39: Martin: Genau. Ich und meine Frau und unsere vier Kinder.

00:05:41: Michèle: Wie lange brauchst du so an Vorbereitung? Für einen Post zum Beispiel?

00:05:47: Martin: Das kommt ganz darauf an. Manchmal braucht es länger, bis die Idee da ist. Und bis dann das Ganze wie gescriptet ist, so dass ich finde, dass das macht irgendwie Sinn. Beim Aufnehmen bin ich relativ ein Perfektionist. Ich brauche oft zu viele Takes bis bis ich zufrieden bin mit der Art, wie ich die Sätze betone oder was auch immer. Und das braucht wahrscheinlich am meisten Zeit. Und dann das Schneiden.

00:06:11: Michèle: Aber was ist das Ziel von dem Ganzen? Würdest du gerne deine ganze Predigttätigkeit dann auf Social Media verlegen? Oder ist das gar nicht das Ziel?

00:06:20: Martin: Nein, das ist gar nicht das Ziel. Und wenn man meinen Account anschaut, würde ich sagen, ist er gar nicht so theologisch. Es gibt auch andere, die viel mehr Bibelauslegung oder Gebet oder so was machen. Ich glaube mein mein Account ist mehr so das zeigen, wie wie ein Pfarrer im Pfarramt tätig sein kann. Gerade vor etwa einer Woche hat ein Kollege meiner Tochter gesagt Das ist ja gar nicht so ein schlimmer Pfarrer. Ja, das hat sein Pfarrerbild verändert. Vielleicht auch nur für eine kurze Zeit, was auch immer. Aber das ist eigentlich mein Ziel zu zeigen. Ein Pfarramt ist ein Leben, ist ein toller Beruf und nicht etwas Verknöchertes. Und ich finde doch auch, dass das gerade das Pfarramt zeigen auch theologisch ist. Aber eben nicht mit täglichen Bibelauslegung oder so, sondern das ist implizit.

00:07:10: Michèle: Da hast du eben schon erwähnt, genau zwei tausend neunzehn zwanzig wart ihr schon mal in den USA, da habt ihr in Maryland auch gelebt und jetzt noch mal ein Jahr in Baltimore. Was hat euch dorthin gezogen?

00:07:23: Martin: Meine Frau Ja, sie hat das. Sie ist in der akademischen Welt tätig und hat das Glück, dass sie zweimal vom Fonds Geld zur Verfügung gestellt bekommen hat für so einen Aufenthalt. Sie hat durch Bekanntschaften, die auch in der Akademie tätig sind, wo sie eingeladen. Und dann sind wir rübergegangen.

00:07:42: Michèle: Aber ich stelle mir das schon herausfordernd vor, so mit Sack und Pack und vier Kindern. Das ist ja wirklich eine komplette Auswanderung ist ja jetzt nicht einfach so, ich gehe mit meinem Rucksack.

00:07:53: Martin: Ja, das erste Mal war war anstrengender. Da haben wir wirklich. Zuerst war ich in einer Kirchgemeinde und dann haben wir dort unsere Zelte abgebrochen und sind mit einem Überseecontainer zwanzig Fuß. Der war bis zum Rand voll, haben wir rübergeschickt für diese anderthalb Jahre. Und wir wussten damals nicht Kommen wir wirklich zurück oder bleiben wir vielleicht? Und das war anstrengender als jetzt beim zweiten Mal. Da war klar Nein, wir sind einfach ein Jahr und haben nur verhältnismäßig wenig mitgenommen. Ein paar Koffer, fünf Kisten. Das meiste ist auch gut angekommen. Ja, das war einfacher und und und eben auch. Wir wussten, wie es ist, sich in den USA einzuleben.

00:08:35: Michèle: Das ist aber dann auch so ein Zuhause auf Zeit. Wie geht man so auch im Gefühl damit um?

00:08:41: Martin: Ich glaube, es gibt verschiedene Phasen. Die erste Phase ist wahrscheinlich das Yes. Wir freuen uns auf dieses Jahr und dann ist man irgendwie Vita. Das ist vielleicht die zweite Phase. Die beginnt dann irgendwann, wenn der Alltag läuft und die Kinder eingeschult sind. Und irgendwann merkt man Oh, das ist jetzt bereits die zweite Hälfte, die angebrochen ist. Aber man schiebt das noch so vor sich weg. Und dann irgendwann merkt man okay, wir müssen jetzt überlegen, wie wir zurückgehen, wie wir packen, wann wir packen und so und dann der Abschied. Der verläuft dann auch phasenweise. Lange Zeit waren wir traurig, dass wir gehen mussten. Wir haben wirklich ein gutes Leben gelebt dort. Und wenn wir gemerkt haben, jetzt geht es noch vielleicht zwei Wochen oder so, dann war irgendwie hat es wie ein Hebel, hat sich umgestellt und dann war irgendwie klar Nein, es ist jetzt gut, dass wir gehen können. Ein ausgewandert. Das Leben auf Zeit ist ein Leben in Phasen wahrscheinlich.

00:09:38: Michèle: Aber trotzdem hast du ja glaube ich versucht, auch gute enge Kontakte zu den Menschen aufzubauen. Auch wenn du wusstest, ja, das ist jetzt wirklich nur ein begrenztes Projekt.

00:09:50: Martin: Das eine ist eben man. Man muss aktiv auf die Leute zugehen, weil es eben nur begrenzt ist. Ich meine, man kann. Man könnte auch sagen Nein, ich ziehe mich ein Jahr lang zurück, aber das wäre ja nicht. Wäre ja nicht irgendwie sinnvoll. Und das Zweite ist natürlich in den USA Die Leute sind viel kommunikativer als wir vielleicht in der Schweiz. Es ist viel natürlicher, dass man irgendwie im Geschäft von jemandem begrüsst wird oder? Oder dass man. Man macht sich viel häufiger Komplimente. Das gibt es in der Schweiz nicht so, aber in den USA kriegt man häufig ein Kompliment zum Hut oder zu irgendwas. Und man macht natürlich dann auch Komplimente. Und dann ja, diese Begegnungen, die kleinen Begegnungen, die machen einfach das Leben viel farbiger, würde ich mal sagen. Und es ist viel einfacher, mit den Leuten dort in Kontakt zu treten. Und das darf man natürlich dann geniessen und diese Bekanntschaften irgendwie auch vertiefen. Interessanterweise habe ich gemerkt, dass offenbar auch dieses Fremdsein bei den Leuten etwas auslöst. Also ich mag. Ich mag mich erinnern. Ich war bei einem Kollegen zu Hause. Wir haben da über was gesprochen. Auf der Party draußen vor dem Haus. Und irgendwann hat er gesagt, dass er jetzt sonderbar, das sei ihm schon schon sehr lange nicht mehr passiert, dass jemand bei ihm auf der Party sitzt. Zum einen war es die amerikanische Art irgendwie mit der Kontaktaufnahme. Und das andere war dann vielleicht die schweizerische Art vom Dranbleiben oder so, und dann Das war irgendwie für mich etwas Besonderes und für ihn auch etwas.

00:11:17: Michèle: Haben denn die Leute, wenn sie erfahren haben, dass du in der Schweiz eigentlich Pfarrer bist, die manchmal auch solche Fragen gestellt, geistliche Fragen oder theologische Fragen.

00:11:27: Martin: Vielleicht nicht fragen, aber aber Gespräche gab es, gab es natürlich. Es kommt auch darauf an, wo diese Begegnungen waren. In der Kirche natürlich. Ja, da. Da war ich ja auch einigermaßen engagiert. Ich habe gepredigt und so, und dort war es vielleicht viel natürlicher, so in der Nachbarschaft war es seitdem ein Thema unter vielen. Ein Bekannter ist Neurologe, da haben wir über über Hirnfunktionen und so diskutiert und aber auch über Sinnfragen. Und ein anderer Bekannter, der ist irgendwie in der Finanzleitung der Uni tätig. Und da haben wir über künstliche Intelligenz gesprochen, eine Stunde lang, irgendwie. Das war mein erstes Gespräch über Ja und? Und er hat auch gesagt, er hat noch nie so philosophisch über diskutiert. Und ich glaube schon, das hat wahrscheinlich etwas mit mit meinem Pfarrer sein zu tun.

00:12:13: Michèle: Und dieses eine Jahr war ja für dich auch sehr besonders. Du bist sonst viel beschäftigter Pfarrer Und jetzt war Familienzeit. Deine Frau hat gearbeitet, Du warst nicht am Arbeiten. Hat man dann Zeit, sich auch so mehr so selbst zu hinterfragen? Oder hast du manches auch so auf einmal aus so einer Metaperspektive betrachten können?

00:12:34: Martin: Ich hatte gar keine Zeit.

00:12:36: Michèle: Noch nicht.

00:12:37: Martin: Ich hatte gar keine Zeit. Ich war ein viel beschäftigter Mann, auch dort. Die Schule beginnt ganz anders. Die Kinder können dort im Schulhaus morgen essen, das heißt, sie gehen etwas früher und sind dann irgendwie um drei, glaube ich, zurückgekommen. Ich weiß die Zeit nicht mehr. Deshalb waren meine Tage relativ kurz, weil ich musste irgendwie zu Hause sein, wenn die zurückkommen. Aber ich war so beschäftigt. Ich habe immer wieder etwas unternommen. Ich habe die Stadt angeschaut. Ich war in der Gassenküche tätig. Ich habe in der Kirchgemeinde gewirkt. Ich habe diverse Sachen gemacht. Ich habe Tagesausflüge gemacht. Mir war nie langweilig. Und auf diese, diese Metaebene, die kam sehr selten. Eigentlich sogar.

00:13:16: Michèle: Schreib mal, Baltimore, was ist das für eine Stadt? Also, wenn ich das richtig verstanden habe in deinen Reels, dann ist es ja eine Stadt, wo es Licht und Schatten gibt.

00:13:26: Martin: Ja, es ist sehr schön gesagt. Es gibt vielleicht mehr Schatten als Licht. Es ist eine Stadt mit Geschichte. Zum Beispiel die. Die Nationalhymne der USA ist aus Baltimore. Die ist dort entstanden. Es gibt so einen Ort außerhalb der Stadt. Und das wurde achtzehn hundert vierzehn von den Briten beschlossen. Und da war Francis Scott. Key hat das beobachtet und dann ein Gedicht darüber geschrieben, wie wie die Flagge am Morgen nach der Bombardierung noch steht. Und das hat dann die Nationalhymne ergeben. Also es ist eine Stadt mit Geschichte. Es war. Lange Zeit war es eine sehr industriegeprägte statt Stahlschmelzöfen und Stahl. Weiß auch nicht Mühlen und so, und das merkt man der Stadt an, aber man merkt auch, dass die Stadt den industriellen Höhepunkt hinter sich hat. Also ich glaube in den achtziger Jahren war war der letzte Moment, wo diese großen Stahlsachen angegangen sind. Der Hafen ist noch da, es gibt noch Autoexport und so läuft über die Stadt. Aber man merkt, dass die Stadt eigentlich viel mehr Menschen beherbergen könnte, als sie beherbergt. Und das führt dazu, dass die Stadt sehr unterschiedlich ist, auch im Reichtum. Wir haben zum Beispiel in einem extrem wohlhabenden Quartier gewohnt. Wir hatten das Glück. Aber es ist nicht so weit, bis ein eher ärmeres Quartier kam. Das ist in den USA oft, oft sehr nahe beieinander. Eine einzelne Straße kann den Unterschied ausmachen und es. In Baltimore gibt es etwa elf tausend freie oder leere Wohnungen. Die Zahl ist am Sinken. Die Stadt ist ziemlich intensiv dran, das zu beheben. Dieses Problem von sechzehn tausend auf elf tausend zurück gegangen. Da muss etwas geschehen, das merkt man. Es gibt ganze Straßenzüge. Wenn man da durchfährt, sind. Die Hälfte der Häuser ist irgendwie bewohnt und die andere Hälfte der Häuser ist ist leer. Die Fenster sind vernagelt. Zum Teil sind die Häuser ausgebrannt. Sie stehen somit Stützen werden die Mauern zusammengehalten und die Leute wohnen einfach in diesem Quartier. Also es ist wirklich viel Licht und viel Schatten in dieser Stadt. Baltimore ist mehrheitlich eine schwarze Stadt mit einer schwarzen Bevölkerung. Ich glaube um die siebzig fünf und siebzig Prozent. Also in unserem Quartier. Ich würde sagen, da war vielleicht neunzig Prozent weiß, europäisch oder was auch immer und vielleicht zehn Prozent asiatisch. Also ich. Ich habe. In unserem Quartier habe ich Leute gesehen, die kommen wahrscheinlich aus Indien und Leute, die kommen wahrscheinlich aus Südostasien. Aber Leute mit schwarzer Hautfarbe habe ich nie gesehen, außer Leute, die im Garten gearbeitet haben. Ich meine, wir haben in einer Super Bubble gelebt oder als weiße Expats und dann zusätzlich noch finanziert aus der Schweiz. Wir waren überhaupt nicht betroffen von Shutdown und so, das hat sicher auch gemacht, dass wir eine sehr gute Zeit hatten, weil wir eine sehr sorgenfreie Zeit hatten. Trotz vielleicht politischer Unsicherheiten. Ja, wir sind uns da sehr bewusst, dass es dass es eine sonder eine Sonderposition ist. Und ich glaube, wenn wir vielleicht dauerhaft dort leben würden, würde sich das vielleicht auch ein wenig verändern.

00:16:36: Michèle: Ja und hast du auch von Leuten hier bekannten Familie so ein paar Seitenblicke bekommen? Dann wollt ihr echt in die USA, jetzt mit Trump und so? Musstet ihr euch was anhören?

00:16:50: Martin: Ich war ich. Ich war ein Jahr im unbezahlten Urlaub und ich habe meiner Kirchgemeinde, habe ich ihr gesagt. Ich würde gerne ein Jahr in die USA und sie haben dem zugestimmt und gesagt Ja, es ist toll, dass du dann wieder zurückkommst. Wir freuen uns. Und willst du wirklich in die USA? Weil das war der Tag, nachdem Trump wiedergewählt wurde.

00:17:10: Michèle: Oh wow.

00:17:10: Martin: Also es war wirklich zeitlich sehr suboptimal. Eigentlich aber auch schon neunzehn hundert zwanzig, als wir dort gewohnt haben, war Trump im Amt. Ja, wir scheinen es zu treffen. Genau.

00:17:22: Michèle: Da könnte man ja langsam eine Fanbase unterstellen. Nein, nein.

00:17:26: Martin: Es ist apolitisch.

00:17:31: Michèle: Ja, war denn die Stimmung anders im Land, wenn du das mit zwei tausend neunzehn vergleichst.

00:17:37: Martin: Punktuell. Im Alltag hat die Politik relativ wenig Zeit eingenommen, spielt eine kleine Rolle. Man hat gemerkt, also diese eins Einsätze waren, hat man gemerkt, ja, es gibt jetzt Leute, die nach Downtown gehen, protestieren, man hat den Gärtner, man hat man diverse Schilder und Plakate gesehen, gegen eins, gegen alles Mögliche. Aber im Alltag spielt die Politik in der Regel eine relativ kleine Rolle. Ich glaube, das kommt dann wieder. Wenn es um Wahlen geht, wird es wieder dominanter. Die Stimmung hat sich punktuell verändert. Also ich mag mich erinnern, als der Shutdown kam im Oktober letzten Jahres oder so was. Dann hat. In der Gassenküche hat man immer davon gesagt, jetzt kommen dann mehr Leute und es sind vielleicht auch ein paar paar Leute neu dazugekommen. Aber es hat sich gezeigt, dass Baltimore zu weit weg ist von D.C. Vor allem das Umland von D.C. Ist sehr stark vom Vom Bund finanziert und abhängig. Eigentlich. Und dort hat man den Shutdown viel mehr gespürt als dann bei uns. Und dann hat sich der Alltag vielleicht nicht so stark verändert. Aber ich mag mich erinnern Ich war einmal beim Weißen Haus. Zwei tausend neunzehn konnte man relativ nah ans Weiße Haus, zu diesem, zu einem Zaun. Und jetzt letztes Jahr war plötzlich ein Zaun mehr dort. Die Distanz ist größer geworden und auch die Stimmung hat sich verändert. Die Leute waren irgendwie aggressiver dort. Und das ist sowieso interessant. Es ist eine relativ linke und demokratische Stadt. Aber es kommen natürlich immer wieder auch Touristen aus, aus republikanischen Staaten. Und häufig haben die dann so mager hat tragen da Trump's und in die sie sind sie zwischendurch dann ab, weil irgendwie die Leute reagieren. Und das hat man gemerkt, irgendwie. Die Stimmung war ein wenig aufgeheizt als ein paar Jahre vorher.

00:19:32: Michèle: Ja, die Magerkappe ist wahrscheinlich eine, die in deiner Sammlung dann doch fehlt. Die fehlt. Die fehlt. Ja, du hast schon gesagt, Politik spielt vielleicht im Alltag nicht so eine Rolle. Was aber eine riesen Rolle spielt, sind ja Kirchen, oder?

00:19:44: Martin: Es gibt wirklich alles, was man sich vorstellen kann und was man sich nicht vorstellen kann. Es gibt chinesische Reformierte und chinesisch katholisch, koreanisch, baptistisch. Es gibt alles, weil es halt einfach Leute aus aus allen Ländern gibt, die die kommen, die ihre Traditionen mitnehmen, die vielleicht auch in den USA ankommen und geprägt werden von einer Tradition und merken Nein, eigentlich wollen wir das vielleicht in unserer eigenen Sprache. Und deshalb ist die Landschaft so wahnsinnig breit und das beeindruckt schon. Und auch zu merken Ja, Schweiz reformiert aus der Schweiz, ist vielleicht doch eine Minderheit auf dieser Welt. Es tut immer wieder gut, das auch zu sehen.

00:20:28: Michèle: Und du hast ja auch so ein bisschen von deinem Struggle erzählt. Erstmal eine Kirchgemeinde für dich zu finden.

00:20:33: Martin: Zwei tausend neunzehn hatten wir das Glück, dass in der Nähe eine Methodist Church war, die ein gutes Programm für Kinder hatte. Und die hat so einen Handball, dass das funktioniert nur in der Gemeinde. Das sind eigentlich ganz einfache Glocken. Und da hat jemand ein Zeh und ein De und jemand hat ein E und ein F und und die ganze Tonleiter ist abgedeckt durch eine Vielzahl Menschen und das funktioniert nur zusammen. Und meine Frau hat damals in einem solchen Chor zu spielen begonnen und wir wussten, wenn wir zurückgehen, das braucht es auch. Deshalb haben wir dann geschaut, was gibt es für Kinder, was gibt es theologisch Interessantes, wo auch so ein Handball ist. Und dann war es irgendwie dann schlussendlich klar diese Grace United Methodist Church, wo wir gelandet sind. Die hat, die hat alles mitgebracht, was wir wollten.

00:21:25: Michèle: Und wie lebt man dort?

00:21:26: Martin: Gemeinde Ganz anders und doch auch auch ganz ähnlich. Also es beginnt bei der Finanzierung. Die Finanzierung ist ja ganz anders als jetzt bei uns. Die, die leben von von Spenden, die leben vom Zehnten, die die Leute bringen. Und ganz häufig haben sie irgendeine Schule oder einen Kindergarten oder so angemietet. Das gibt natürlich auch Geld, das macht die Organisation anders. Ich kann jetzt nur von dieser Methode erzählen, weil ich nur die kenne. Aber ich glaube, auch Presbyterian Church sind sind häufig sehr ähnlich. Bei uns gab es eine eine Hauptpastorin, Reverend Amy. Und dann gab es Pastor sein, ein Assistent, Pastor und gemeinsam leiten die eigentlich die Gemeinde. Die Leute sind sehr aktiv, auch weil sie halt eben den Zehnten zahlen wollen. Sie mehr vielleicht als das durchschnittliche Schweizer Kirchenmitglied, aber geben dann auch mehr, mehr hinein. Man merkt, es ist eine Gemeinschaft von Menschen.

00:22:23: Michèle: Wie kriegen die das alles unter einen Hut? Weil ich nehme ja mal an, das Freizeitverhalten ist ähnlich wie bei uns. Es gibt ja viele Angebote und trotzdem ist klar Sonntag. Ich gehe in die Kirche.

00:22:36: Martin: Ja, das wissen wir auch nicht so genau, wie Sie das alles unter einen Hut bringen. Die sind zum Teil sehr beschäftigt. Die bringen ja auch zum Teil zwei bis drei Jobs unter einen Hut. Müssen vielleicht auch. Das ist einfach. Sonntagmorgen ist für einige noch oder für viele noch. Ja, da geht man, geht, man predigt nicht. Man sitzt dann mit mit den immer gleichen Leuten in der Bank und trifft sich immer nach dem Gottesdienst zum Kirchenkaffee. Und man teilt viel. Wir haben zum Beispiel auch mit der Kirchengemeinde sind wir einmal ein Baseballspiel schauen gegangen. Zwanzig dreißig Leute waren dort und es hat geregnet in Strömen und. Aber das war ein tolles Erlebnis, weil das, weil man das so gemeinsam gemacht hat und und das prägt dann schon, weil man hat dann auch etwas zu erzählen. Man weiß ja, weißt du noch, damals, als wir so nass waren und das schweißt auch zusammen.

00:23:24: Michèle: Hast du denn für dich so im Hinterkopf den kleinen Auftrag gefasst. Naja, also ich schaue jetzt mal, was hier besser läuft und was schlechter läuft. Und die besten Teile nehme ich mit in meine Praxis in der Schweiz.

00:23:35: Martin: Ja, ich habe natürlich natürlich mit mit diesen Augen geschaut. Es war immer so eine Rollenfrage. Ich meine zum Beispiel habe nie einen Gottesdienst dokumentiert. Ich habe nie gesagt Schau mal, so feiert man hier, sondern ich. Ich war ja Teil der Kirchgemeinde und habe nicht als Reporter quasi dokumentiert. Und deshalb war mein Blick ein Insiderblick, aber auch ein Außenseiterblick. Und das habe ich immer versucht, so zu kombinieren. Und ja, ich, ich habe diverse Ideen mitgenommen.

00:24:05: Michèle: Eine Idee, die dich ja sehr begeistert habe, dieses Kollekten Körbli, was dann? Was dann rund geht. Und währenddessen wird ein Lied gesungen.

00:24:16: Martin: Das berührt. Es ist eigentlich nichts Besonderes, dass jemand mit mit so einem Korb oder mit einer Tasche durch sie reingeht. Das kennt man ja auch bei uns teilweise. Aber was war es dann? Schon berührt ist, wenn das Geld quasi hinten angekommen ist. Dann laufen diese Personen mit dem Geld nach vorne und die ganze Gemeinde steht auf und singt immer dasselbe Lied. Es ist so ritualisiert. Man weiß jetzt, jetzt haben wir alle was dazu beigetragen. Und das geht jetzt nach vorne. Und dann wird es irgendwie in die Kirchenkasse gebracht, für. Für gute Projekte. Und das ist etwas, das ich mir überlege Wie kann man das zum Beispiel aufnehmen? Eines meiner letzten Videos war ja auch darüber, dass das, dass ich wusste, jetzt singe ich das Lied nur noch vielleicht zweimal oder so, weil ich wusste, jetzt gehen wir dann zurück. Es ist schwierig, in Worte zu fassen, was genau geschieht, aber es ist ein besonderer Ort. Es war für mich ein besonderer Moment. Ja.

00:25:12: Michèle: Und was du ja auch sehr genossen hast, ist der Kirchenkaffee. Also, da gab es ja richtig üppig Essen. Wirst du das auch mitnehmen? Importieren?

00:25:21: Martin: Ich glaube, das ist auch ein Unterschied wie die Kirchgemeinde kulturell geprägt ist, also unsere Gemeinde. Diesmal war anders kulturell geprägt als unsere erste Kirchgemeinde. Zwei tausend neunzehn zwanzig waren zwar beides United Methodist Church, es aber in der ersten war. Die Mehrheit der Mitglieder war schwarz. Und das hat man gemerkt, Das ist eine andere Kultur, die dort mitspielt. Und die haben dann wirklich üppig aufgedeckt. Das gab Fried Chicken, das gab Gemüse, das gab irgendwie Katholisches. Es gab alles Mögliche, und da hat man wirklich zusammen gegessen. Und unsere jetzige Kirchgemeinde, das war eher eine mehrheitlich weiss, und das hat sich auch im Kirchenkaffee gezeigt. Das ist eine andere Kultur, das. Ich würde sagen, es wurde mehr aufgedeckt als als in der Schweiz. Es gab Käse und und und. Cookies und Früchte und alles mögliche. Das hat auch das hat da einfach auch Spass gemacht, wenn man dann zusammen was isst und und und schwatzt. Und alle konnten dann regelmässig etwas beisteuern. Ich würde sagen, wir waren überdurchschnittlich oft dran, weil wir auch wussten Ja, das ist einfach dieses Jahr, da sind wir so aktiv wie möglich und haben vielleicht alle zwei Monate haben wir etwas organisiert. Ja, ich. Ich glaube, das ist etwas, das ich unbedingt mitnehmen will. Mehr miteinander, auch so einfache Sachen. Teilen kann ich immer, dass die Kirchgemeinde organisieren muss. Ja, wir haben dann ein Cafe. Sondern man sagt okay, nein, Familie XY bringt, bringt was und dann kommt es gut. Dann kann ich in Familie XY sagen, jemand hat Geburtstag, wir bringen noch eine große Torte mit oder was auch immer. Und das macht dass das Gemeindeleben noch einmal etwas farbiger.

00:27:01: Michèle: Und wenn du so Schweiz USA vergleichst in diesen Aspekten was fehlt den Schweizern?

00:27:07: Martin: Die Kirchen in den USA sind auch Geschäft. Das kann nervig sein, aber es bringt auch den grossen Vorteil mit sich, dass die Leute eben auch daran interessiert sind, Leute einzubeziehen. Leute, wenn man es etwas böse sagen will, Leute fürs Geschäft zu gewinnen. Man wird viel freundlicher begrüßt als in der Schweiz. Es hat immer Leute, die, die am Eingang stehen und. Und. Ah, da ist jemand Neues. Willkommen bei uns. Ich heiße so und so! Ja. Schau, dort vorne hat es einen guten Platz. Oder soll ich dich nach vorne bringen? Oder bei Fragen bin ich da einfach. Dieses Willkommen heißen wird zelebriert. Und ich glaube, das könnte in der Schweiz noch etwas aufpoliert werden. Nicht, dass wir unfreundlich sind. Auch in meiner Kirchgemeinde oder in meinem, wo ich gearbeitet habe, war immer jemand da, der begrüßt hat. Aber da sind die Amis noch ein wenig offener. Die Leute in den USA haben halt Familie auf allen Seiten des Kontinents und und Freunde auf allen Seiten des Kontinents. Und die können gar nicht mit allen gleich eng befreundet sein. Und deshalb ist das Beziehungsnetz auch ein anderes, als wir in der Schweiz uns gewohnt sind. Hier ist alles viel engmaschiger. Und ich glaube, das Klischee, das wir von den USA haben, ist ja immer die sind so oberflächlich. Und ich glaube aber, das hat damit zu tun, dass ihre Freundschaften, ihre Bekanntschaften ganz anders funktionieren müssen, als sie gar nicht mit allen sich so häufig treffen können, weil die eben fünf tausend Kilometer weit weg wohnen. Und das ist irgendwie normal.

00:28:44: Michèle: Und wo wurde es schwierig? Wo bist du so an Grenzen gestoßen?

00:28:48: Martin: Ich habe mir das überlegt. An Grenzen vielleicht nicht, aber ich habe gemerkt, dass es doch große kulturelle Unterschiede gibt. Ich habe immer das Gefühl, Amerika, wir kennen das. Und ich zum Beispiel bin aufgewachsen mit Hip Hop. Das ist meine Musik, und die kommt von dort. Und ich habe das extrem genossen, dass ich jetzt dort war. Und man hat ja immer das Gefühl, ja, die USA, die kennen wir, die sind irgendwie europäisch. Und die USA sind aber auch ganz anders. Und das zeigt sich dann so in Nuancen. Und zum Beispiel ist mir das aufgefallen, als ich im Improtheater in der Kirchgemeinde gemacht habe. Als meine Instruktionen vielleicht zu wenig genau waren, haben die Leute anders reagiert, als ich mir das gedacht habe. Und ich wusste auch nicht immer, wie sage ich es ihnen? Weil die Untertöne funktionierten, anders als bei uns. Aber ich würde nicht sagen, dass es Grenzen waren, sondern es waren einfach. Ich habe gemerkt, da ist was anderes. Zum Beispiel Die Amis habe ich erlebt, die sind viel offener und und gehen einfach drauflos. Wenn ich zum Beispiel beim Improtheater eine Übung, ein Spiel angeleitet habe, da war nicht ein Zögern. Wer geht jetzt und so und wie machen wir das jetzt? Sondern okay, und dann sind sie aufgestanden und haben einfach drauflos gemacht. Dann hat es seine Dynamik genommen. Manchmal. Oder zwei oder dreimal. Und ich glaube, in der Schweiz hätte ich das früher oder anders gestoppt. Aber es ist, ich kann es nicht gut in Worte fassen. Ich Ich habe es einfach gemerkt. Da ist jetzt etwas anderes.

00:30:15: Michèle: Und du hast ja wie gesagt, viele Videos und Posts abgesetzt aus den USA über zum Beispiel Halloween. Einmal ging es um Trauer. Einmal um die Kirchensuche. Bibelapps Black History Month hast du thematisiert, unter anderem auch diesen Kirchenkaffee. Wie hast du das ausgewählt?

00:30:33: Martin: Vielleicht in Harmonie mit dem, was ich in der Kirchengemeinde erlebt habe oder so? Und wenn ich gewusst hätte, dass das hier die kleinen Jesusse noch im Gehirn sind, dann hätte ich dir einen kleinen Jesus mitgebracht. Die sind gestern per Post gekommen. Ich und ein großer Teil unseres Materials ist gestern per Post angekommen. Dass es zu diesem Regal kam, hat damit zu tun. Meine meine Töchter haben an einem Jugendevent haben die so kleine Jesusse gekriegt und ich dachte, die brauche ich auch. Und dann habe ich drei hundert Stück davon bestellt und dann habe ich die Kiste aufgemacht und da muss ich was draus machen. Wann sind wir? Sind wir schon drei hundert Jesus begegnet? Und ebenso bin ich dann zum Ziel gekommen. Das ist einfach so geschehen.

00:31:17: Michèle: Also du machst das nicht so aus. Ich sage mal, dass du dich fragst. Ja, Was? Was könnte jetzt catchy sein? Es geht eher davon aus, dass du denkst, was dich persönlich berührt.

00:31:27: Martin: Ja, unbedingt. Es beginnt immer bei mir. Und dann überlege ich. Wie kann ich das rüberbringen? Ich würde sagen, das ist generell meine Art im Pfarramt. Ich glaube, das ist auch, weshalb ich sage, es ist wirklich der beste Job, weil ich bei mir beginnen kann und dann mich voll und ganz einbringen kann und dann irgendwie hoffe, dass es auf Resonanz stößt. Das ist vielleicht das Geheimnis vom Pfarramt. Man soll sich überhaupt nicht verstellen, sondern voll und ganz eingeben und dann trifft es auf Resonanz. Genau gleich bin ich im Pfarramt, würde ich sagen. Und genau gleich bin ich auch bei den Reels.

00:32:04: Michèle: Beschäftigt sie dich denn mit dieser Logik, auch dieser Netzwerke? Weil die wollen es natürlich schon auf eine gewisse Art und Weise haben.

00:32:13: Martin: Klar, Und das ist eben auch die Kunst bei diesen Wheels, die vielleicht die Geschichte etwas anders zu erzählen, als man sie so in einer eins zu eins Konversation erzählen würde, weil eben die die Algorithmen irgendwie anders funktionieren. Und manchmal ist es einfacher und manchmal harzt es dann zum Beispiel als real, wo es um um diesen Mann geht, der auf der Strasse steht und Geld will bei den Autofahrern. Das das ist mir nicht gelungen. Da habe ich immer gedacht, Nein, ich hätte das anders machen sollen. Und ich will es dann noch einmal anders machen und aber dann ist es nicht dazu gekommen, weil ich einfach gemerkt habe Nein, ich habe das falsch, falsch aufgegleist, das Ganze, obwohl das Thema sehr spannend wäre und sehr wichtig wäre. Aber es hat irgendwie nicht funktioniert. Wenn man die Likes und die Views anschaut, das ist viel weniger als alles andere.

00:33:03: Michèle: Aber schaust du auf diese Zahlen oder ist Social Media schon für dich ein nettes Add on?

00:33:08: Martin: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht auf die Zahlen schaue. Das sind schon irgendwie interessant und wichtig, weil. Weil es doch ein Feedback ist. Wie? Wie, wie ist die Resonanz? Aber ich mache jetzt nicht mein Seelenheil davon abhängig. Ich glaube, es gibt andere, die dann wirklich diesen Klicks nachjagen und sagen Nein, ich muss das unbedingt. Und dann kann man noch so Streams hochladen. Und die Logik bei Instagram wäre zum Beispiel Ja, mach verschiedene Einstiege und dann schau, welches ist der beste und dann poste nur den. Und das habe ich noch nie gemacht.

00:33:40: Michèle: Du hast ja eben schon ein bisschen von deiner anderen Leidenschaft erzählt, nämlich Improvisationstheater. Kannst du mir ein bisschen mehr darüber erzählen?

00:33:49: Martin: Ja, Impro, das begleitet mich schon relativ lange. Ich habe vor vielen, vielen Jahren im Studium habe ich im Gaskessel in Bern gearbeitet, so zu Beginn des Monats, als wir uns einteilen mussten. Wann ist wer an der Bar hat es geheißen, am Mittwochabend, da ist Impro, und da braucht es noch jemand an der Bar. Ich hatte keine Ahnung, habe mich einfach eingeschrieben. Wahrscheinlich, weil ich, weil ich das Geld brauchte und zwischen dem Arbeiten lief Impro. Und ich habe das überhaupt nicht gekannt und bin schauen gegangen. Und es war dann das. Das hat mich einfach von Sekunde eins an so fasziniert. Ich Ich habe dann Monat für Monat für Monat immer an diesem Abend gearbeitet. Ich kannte die Zuschauerinnen, ich kannte alle vom Team. Und ich habe dann gemerkt, dass das funktioniert. Irgendwie nach einem System. Irgendwann habe ich Kurse besucht und dann habe ich es irgendwie wieder ruhen gelassen, weil es Kinder und so und dann zwei tausend neunzehn in den USA war klar Nein, jetzt will ich Impro machen. Und dann habe ich beim Washington Impro Theater habe ich eine Ausbildung gemacht, sind fünf oder sechs. So aufeinander aufbauende Kurse habe ich gemacht und und seitdem brauche ich Impro im Alltag nicht. Nicht jeden Tag, aber immer wieder so Impro Elemente. Meistens mit Jugendlichen.

00:35:07: Michèle: Aber als Kirche haben wir ja den Ruf, dass wir schon sehr geplant und verkopft sind. Wie passt das denn mit Impro zusammen?

00:35:14: Martin: Das passt so gut.

00:35:15: Michèle: Das passt.

00:35:17: Martin: Das passt. Ich meine, Impro Theater lebt vom Menschsein. Eigentlich. Impro ist etwas, das wir alle können. Wir sind die geborenen, improvisierten Improvisateure. Wie wir die Welt entdecken als Kleinkinder, ist nichts anderes als Improvisieren. Wenn wir Kinder sind, dann kann wie eine Zahnbürste kann kann uns einen Nachmittag lang beschäftigen. Dass wir dann eben wie zu einer Rakete oder zu einem Steckenpferd oder zu weiß auch nicht was. Und das ist alles ein hundert Prozent improvisiert. Das geschieht ohne Skript. Und so entdecken wir die Welt. So entdecken wir auch Gemeinschaft. Impro heißt heißt eigentlich nichts anderes als Wir nehmen die Situation an, wie sie ist oder die Tatsachen, wie sie uns präsentieren und machen etwas damit. Wir haben jetzt einfach nur eine Zahnbürste und wir müssen drei Stunden damit auskommen. Und dann? Und dann beginnt es. Und so lernen wir die Welt kennen. Und. Und das ist so urmenschlich. Und das ist so wichtig, dass wir das in der Kirche irgendwie leben und uns einbringen. Und das ist entspricht mir extrem in meiner Arbeit.

00:36:23: Michèle: Also wenn ich das richtig nachgelesen habe, ist da so ein Grundsatz vom Impro. Man sagt ja und nimmt dann die Szene, die der andere vorgegeben hat, auf und macht so weiter. Ist das für dich auch so ein bisschen Lebensphilosophie?

00:36:37: Martin: Kommt drauf an, wen du fragst. Wenn ich meine, wenn du meine Kinder fragst, würden sie wohl sagen Nein, der sagt so häufig nein. Das Ja ist ja eigentlich eröffnet. Türen. Das Ja macht alles möglich, verdammt das Ja und lässt alles werden. Und das Nein ist das Gegenteil des Nein. Klemmt ab, bricht ab. Macht unmöglich. Aber das Nein suggeriert häufig auch irgendwie Kontrolle oder Sicherheit. Deshalb sagen wir vielleicht häufig Nein, weil wir gar nicht bereit sind, auf die Konsequenzen von einem Jahr einzugehen. Und deshalb sind wir im Alltag vielleicht häufig geneigt, dazu ein Nein zu sagen. Aber es sollten viel häufiger Ja sagen. Und das Schlimmste ist, wenn man das Ja tarnt. Aber das meint eigentlich ein Nein. Man sagt ja, aber genau, weil man sagt ja, ja, ist eine gute Idee, aber dann bla bla bla. Und ich bin sicher, wenn wir, wenn wir häufiger sagen würden, ja, und dann wäre es so viel mehr möglich. Ich meine, das heißt jetzt nicht, dass wir zu jeder Idee ja sagen müssen und dann wäre ich dann auch Ja sagen müssen und bis zum letzten Detail durchziehen. Irgendwann kommen dann vielleicht Finanzen, die ein Thema sind und so, aber wenn man sagt, das ist jetzt eine gute Idee und dann schauen wir, ob wir diese fünfzig tausend Franken organisieren können, was auch immer. Dann beginnt so viel. Und dann beginnen die Gedanken zu drehen und man merkt Ach nein, vielleicht können wir das Ganze auch, dass das Pferd anders aufzäumen und dann reichen vielleicht fünf tausend Franken Es entsteht etwas, weil sich alle um diese Idee geschart haben und gesagt haben Jetzt machen wir etwas damit. Das ist nicht nur etwas Urmenschliches, sondern auch Ich glaube zutiefst daran, dass Gott genauso funktioniert, wenn man die Bibel liest. Es begegnen uns so viele Geschichten von Gott, ja und sagt das Ja alleine ist noch, finde ich, sehr oft leer, aber das und macht dann alles neu. Also zum Beispiel wenn man die Schöpfungsgeschichte liest in Genesis eins, wo Gott sagt ja, jetzt ist noch nicht viel da und ich mache etwas und dann kommt Schritt für Schritt immer etwas dazu. Und es ist immer so wie eine Betrachtung und ein Ja und der nächste Schritt und und dieses begegnet mir so oft in der Bibel. Jesus sagt auch Ja zu den Menschen und heilt sie dann. Sag einfach Ja, du bist blind. Sondern er sagt Ja, du bist blind. Und jetzt schauen wir, dass das dein Leben wieder irgendwie in eine andere Bahn gehen kann oder so und das entspricht mir extrem in meiner Theologie dieses Jahr. Und und und. Und ich versuche das auch im Leben irgendwie zu integrieren, auch wenn es natürlich schwierig ist, häufig ein Nein dann auch auch eine Realität hat.

00:39:23: Michèle: Also fällt mir gerade ein, dass das ja auch zeugt von einem gewissen Vertrauen, oder es ist auch so ein Versprechen. Ja, und ich gehe mit dir weiter.

00:39:32: Martin: Absolut. Ja. Ich. Ich bin überzeugt, Gott sagt nicht nur Ja zu uns, sondern Gott sagt Ja. Und ich meine, in der Seelsorge ist er das auch. Wenn jemand eine Geschichte erzählt, wie, wie eine Diagnose kommt, zum Beispiel oder so, kann ich ja nicht nur sagen Ja, das ist jetzt schwierig, sondern da muss ja ein und kommen. Da muss ich sagen und jetzt schauen wir, wie wir in dieser Situation umgehen können. Ich bin überzeugt, alles sollte nach diesem Jahr und funktionieren, weil das ja alleine ist, so leer, Oder droht sehr schnell leer zu werden.

00:40:05: Michèle: Aber sagen wir in der Kirche generell zu oft Ja, aber ich habe so das nicht.

00:40:11: Martin: Ja, ich glaube schon. Ich glaube schon. Sie sagen häufig Ja, aber weil wir uns nicht wagen, nein zu sagen, weil wir ja gute Menschen sind. Aber eigentlich scheuen wir vielleicht dann die Konsequenzen. Und dann ist eben ein Ja, aber. Und das ist zum Beispiel etwas, was ich mir vorgenommen habe für meinen Kurs, für das beginnt diese Woche. Meine Konfirmandinnen haben nicht das Recht, das Wort. Aber zu sagen Ich, ich, ich will. Ja, ich meine, es ist ein Experiment auch. Und ich sage Ihnen auch, Sie sollen dann mich ermahnen. Wenn ich aber sage, ich will versuchen, in diesem Jahr immer nur die Diskussionen mit einem Ja und möglich zu machen. Ja und heißt ja nicht, dass man, dass man keine Differenzen haben kann. Aber man muss die Differenzen irgendwie beschreiben, dort weiterschauen.

00:40:56: Michèle: Bevor du gegangen bist. In den USA hast du ja auch einen Gottesdienst gemacht, auch mit Impro. Und wenn ich das richtig verstanden habe, ihr dann ein Thema in der Predigt gehabt, von dem du vorher nichts wusstest? Wie geht denn das?

00:41:08: Martin: Das geht ganz gut. Das geht ganz gut, weil es funktioniert, auch nach den Regeln des Improtheater eigentlich. Es gibt zwar Übungen im Improvo, wo man aus einem einzigen Wort eine ganze Ideensammlung machen kann, zum Beispiel Eine Übung heißt Die Impro ist für mich eigentlich das.

00:41:28: Michèle: ABC a bis.

00:41:29: Martin: Z a nach A nach z. Und die Übung ist so ich sage ein Wort. Das wäre zum Beispiel Apfel, und das ist das Wort A, und du musst dir dann überlegen, Bei Apfel fällt mir ein vielleicht Wurm und das wäre das. B Aber das behältst du für dich und sagst dann bei Wurm kommt mir aber in den Sinn, Vogel. Dann sagst du Vogel. Und dann dieses Wort Vogel wäre wieder das A für mich. Und dann überlege ich okay, bei Vogel kommt mir Nest in den Sinn und bei aber das behalte ich für mich. Und bei Nest kommt mir Schornstein in den Sinn. Und dann sage ich Schornstein. Dann haben wir. Innerhalb von zwei Schritten haben wir schon von Apfel zu Schornstein und eine große Sammlung an Ideen. Und bei diesem Improgottesdienst ist eigentlich, dass das System dasselbe. Man beginnt irgendwo ganz klein und überlegt dann mit wenigen Schritten Was ist da alles in diesem Umfeld an? Gedanke da und und und muss dann das anzapfen.

00:42:29: Michèle: Kannst du uns mal ein Beispiel geben für so ein Predigtthema, was denn dabei rausgekommen ist? Kannst du dich an welches erinnern?

00:42:35: Martin: Einmal war war der Tonbau zu Babel und dann, ja dann haben wir in einer fiktiven Sprache gesprochen, natürlich und und und haben uns Gedanken gemacht, wie wäre das jetzt auf dieser Baustelle? Und dann sind irgendwie plötzlich sind uns Ziegel auf den Kopf gefallen und und und. Dann war das das Thema. Und das ist, man kann das ja auch planen, aber ich bin überzeugt, dass wenn man es nicht plant, Wenn man es offen lässt und bereit ist, sich auf dieses Unbekannte einzulassen, dann kommt viel mehr dabei raus. Zum Beispiel in dieser Kirche. In den USA habe ich auch Improv angeboten. Am letzten Abend haben wir die Palmsonntagsgeschichte angeschaut und improvisiert. Und da gibt es ja die Leute auf der Straße, die diesem neuen König zujubeln. Hosianna und so, und dann hat jemand beschlossen Ja, jetzt bin ich jemand anderes und hat so ein fiktives No Kings Schild hochgehalten. Das war in den USA gerade das Thema, diese No Kings Demonstrationen. Und dann hat man innerhalb von einem Bruchteil einer Sekunde hat man dieses Hoffen auf einen neuen König und dieses No Kings Gegenüber. Man kann das auch skripten, aber das braucht viel mehr Energie, das zu skripten. Und wenn das von den Leuten kommt, das ist viel ehrlicher. Und sie mussten auch nicht wie auf der Bühne auskommen, haben dann begonnen zu diskutieren. Nein, ich bin für den König. Und der andere? Nein. Könige sind alle schlecht. Und der andere? Nein. Aber dieser König ist anders. Und das waren normale Kirchenmitglieder, nicht irgendwie Pfarrpersonen. Und das hat dann extrem viel ausgelöst in diesem offenen Geist. Eigentlich.

00:44:10: Michèle: Wenn man Impro predigt, ein bisschen andere Haltungen auch vom Publikum würde ich sagen, Weil du darfst erstens keine Versagensangst haben. Und zweitens man erwartet keine perfekte Show. Es kann auch sein, dass du stehst da und sagst Es tut mir leid, Leute, es fällt mir gerade nicht ein.

00:44:28: Martin: Wenn man Impro Bücher Bücher liest, ist die immer. Die erste Grundhaltung ist Yes and? Ja, und? Aber ich bin überzeugt, das ist eigentlich erst die zweite. Die erste ist eigentlich Scheitern gehört dazu. Und wenn du scheiterst, auf der Bühne oder auf der Kanzel, ist es völlig okay. Und wenn man diese Haltung hat, auch besonders in Gottesdiensten, dann ist es klar Nein, die Gemeinde, die sind primär einmal fasziniert davon, dass jemand ohne Blatt Papier hinstellt und etwas erzählt. Viel lieber scheitern und es wenigstens versuchen, als es überhaupt nicht versuchen. Und ich glaube ja, da könnten wir so viel davon lernen. Im Kirchenalltag einfach einmal etwas auszuprobieren.

00:45:12: Michèle: Vielleicht auch ohne als Pfarrperson den Anspruch Ja, ich muss doch jetzt hier immer eine Botschaft weitergeben. Es muss ja irgendwie was dabei rumkommen für die Leute. Ich muss was vermitteln.

00:45:23: Martin: Ja, bei einer Predigt ist natürlich schon auch der Anspruch als als als studierter Theologe. Man will ja schon irgendwas, aber. Aber vielleicht ist es dann nicht bis zu jeder hebräischen Wurzel irgendwie durchdekliniert, sondern man bleibt dann auf einer anderen Ebene. Aber hat dann vielleicht die Leute auf einer ganz anderen Ebene angesprochen.

00:45:43: Michèle: Und du bist ja allgemein als innovativ bekannt, wenn ich das mal so sagen darf. Also du hast das Tanzmahl ausgerichtet. Eben diesen Improgottesdienst. Du hast mal in deiner alten Kirchengemeinde einen Suppentag mit Pommes gemacht. Ein Totentanz zum Reformationsjubiläum. Provozierst du gerne?

00:46:02: Martin: Ich glaube, das ist überhaupt nicht Provokation. Ich glaube, das ist meine Art Pfarramt. Ich kann nicht anders Pfarrer sein, als mit meinem ganzen Herzen dabei sein. Wenn es die Zeit zulässt und mein Energielevel es zulässt, dann gehe ich gerne irgendwie tanzen. Und das ist dann die Verbindung zum Tanz. Mal die Verbindung zum Suppentag mit Manfred. Das war ganz einfach. Ich musste dann übernehmen, weil es irgendwie eine Veränderung in der Kirchgemeinde und vor allem mit der Schule, die das organisiert hat. Und ich habe mir überlegt Ja, so bin ich. Ich bin jetzt persönlich nicht der größte Fan von Suppen. Im Winter vielleicht zweimal, aber ja. Dann habe ich mir überlegt okay, das Prinzip vom Suppentag ist etwas Einfaches, das unkompliziert zubereitet werden kann und das günstig Menschen nährt.

00:46:53: Michèle: Mhm.

00:46:53: Martin: Dann reden wir. Ja. Nein. Pommes frites ist eigentlich super einfach. Es gibt kaum jemanden, der allergisch ist auf Pommes frites. Es gibt eigentlich kaum jemanden, der nicht gern Pommes frites. Die Idee. Okay. Nein. Wir machen jetzt Pommes frites. Suppentag. Suppentag zwei Uhr null. Dann haben wir wie in Belgien. Wo? Eine Frittenbude darf nur Frittenbude heißen. Wenn Sie dreizehn Soßen oder. So haben wir fünfzehn Soßen gemacht mit den Jugendlichen und haben das Ganze eingebunden in die Brot für alle Kampagne. Dann haben wir die Tische gedeckt für siebzig Leute. Und dann kamen am Sonntag ein hundert zwanzig Leute, und wir mussten irgendwie zwanzig Kilogramm Pommes frites nachkaufen am Sonntag, weil es war ein so großer Erfolg. Wir haben nicht wie andere ein tausend Franken Kollekte einfach so einbezahlt. Es ist überhaupt nicht entstanden, weil ich irgendwie provozieren wollte, sondern weil es einfach ehrliche Arbeit war. Und dass es bei all diesen Projekten, die du erwähnt hast, war das so beim Totentanz, das war irgendwie in der Kirche Hindelbank hängt ein Bild von Niklaus Manuel Teutsch. Und das war zwei tausend neunzehn. Reformationsjubiläum. Dann war irgendwie der halt der spannendste, mit dem wir uns am meisten auseinandergesetzt haben. Und dann haben wir gemerkt Nein, Totentanz, das wäre ein spannendes Thema. Und dann am Schluss kam da ein dreitägiges Reformationsfest in Hindelbank raus. Jedes Schulkind hat etwas zum Thema Tod gemacht. Sei das, ein Bild sei das. Wir haben Insekten beerdigt, die die Dorfmusik hat, hat Trauermärsche gespielt am Fest. Und zuerst waren alle schockiert, was der Pfarrer dann für Trauermärsche. Aber. Aber die haben voller Farben die Trauermärsche gespielt. Und das war Gänsehautfeeling. Wir hatten jemand, die kamen, ich weiß nicht mehr genau, der Tanzstil, aber irgendwie Swing oder so was. Die haben Totentänze getanzt, mit Skelettmasken. Wir hatten eine Ausstellung von der Familie Luginbühl. Interessanterweise hat der Dorfbestatter gesagt, Ja, ich könnte noch einen Sarg stiften. Und übrigens der Vater von dem, der war früher auch schon der der toten Kutschenfahrer. Und übrigens, dort steht noch eine Kutsche. Und dann haben wir diese Kutsche gemietet und haben dann einen einen Durchgang durchs Dorf gemacht, mit einem leeren Sarg und. Und haben dann eine Beerdigung am Fest veranstaltet. Und die Leute waren völlig begeistert, weil die mussten sich einmal mit ihrer Vergänglichkeit auseinandersetzen. Und ich glaube, das ist das Geheimnis vom Pfarramt. Zumindest bei mir. Dieses voll und ganz. Vielleicht ist es auch das Ja und oder ich sage Ja zu diesem Thema und dann heißt es aber auch Ja, jetzt machen wir etwas daraus.

00:49:31: Michèle: Dann geht voller Energie rein. Ich merke das schon.

00:49:34: Martin: Ja, natürlich, das ist, das ist ein Ja, ein ein Aufwand. Aber es macht auch Spaß.

00:49:40: Michèle: Ich kann mir vorstellen, dass so mancher Kirchenrat jetzt in der Zuhörerschaft sitzt und sich sagt Aber wir können ja nicht immer nur Events machen. Das wird ja total erstens teuer und zweitens stressig. Können wir jetzt Leute nur noch anlocken über coole Freizeitevents?

00:49:58: Martin: Ich glaube nicht, dass das Events sind. Oder es kommt dann darauf an, wie man Events definiert. Aber ich glaube, wenn, wenn man eben das Thema dann wirklich auch verknüpft mit mit dem, was geschieht, dann kann auch vielleicht in den Leuten etwas geschehen. Ich meine, ich meine, wenn das Event wäre, nur Tanz schauen, dann wäre es vielleicht ein Event, der Spaß macht, aber nicht so inhaltlich viel hergibt. Aber wenn man dann irgendwie das eben einbettet und sagt, jetzt gehen wir zusammen auf diese Beerdigung stour und wir überlegen uns, was wir dann vielleicht im Anschluss auf den Sarg schreiben wollen. Dann ist es eben nicht nur ein Event, sondern dann geschieht auch etwas in den Leuten. Ich behaupte und ich hoffe, dass kein Kirchgemeinderat sagt Nein, das wollen wir nicht.

00:50:43: Michèle: Ja, vielleicht so ein bisschen die Angst, dass das Du mit diesen innovativen Formaten so ein bisschen das sonntägliche zehn uhr Ding abschaffen willst?

00:50:51: Martin: Überhaupt nicht. Nein, nein, ich finde den Sonntag Sonntagsgottesdienst enorm wichtig. Ich mache das sehr gerne. Schon nur, weil ich gerne singe. Und das ist ein guter Moment zum Singen. Aber auch, weil ich das eine wichtige Funktion finde, wo man sich Gedanken macht und wo man hinsetzt und vielleicht, vielleicht auch etwas unzeitgemäß jemandem über eine lange Zeit zuhört. Das ist mir bewusst. Das braucht viel Energie. Aber. Aber das ist natürlich dann auch für mich die Herausforderung, eine Predigt zu schreiben. Interessanterweise Meine Predigten sind sehr ausgeschrieben, ausformuliert und werden dann nur noch angepasst. Kommen noch vielleicht Kommentare, wenn ich sehe, jemand nickt oder so? Oder jemand lacht oder was auch immer. Dann kommentiere ich noch die Predigt. Aber die Predigt ist eigentlich für mich so ein ein fertiges Ding, das dann im Moment noch einmal fertig wird. Und ich würde das überhaupt nicht abschaffen wollen. Aber die Realität sagt halt auch wir müssen uns zumindest überlegen, wie wir das weitermachen wollen. Es ist vielleicht eine besondere Form, die für viele nicht mehr so zugänglich ist.

00:51:53: Michèle: Hast du dir in puncto Predigtkunst was bei den US Predigern abgeguckt?

00:51:57: Martin: Absolut. Unser erster Pfarrer in dieser Materie Church, der kam ursprünglich aus einer Baptistenfamilie und er hat diesen diesen Fast Martin Luther King Slang. Und das habe ich mir natürlich abgeguckt, nicht. Ich bin meilenweit davon weg. Aber die Amis sind rhetorisch besser als wir. Und das hat, ich würde sagen, mein Predigtstil schon geschärft.

00:52:23: Michèle: Und wir waren ja gerade schon so ein bisschen angekommen. In der Zeitgeistdiskussion. Darf sich Kirche dem anpassen? Und dazu hat ein Kollege, der Tobias Rentsch mal gesagt Die Kirche muss sich dem Zeitgeist nicht unbedingt anpassen, aber ihm zumindest stellen. Kannst du mir erklären, wie er das gemeint hat?

00:52:40: Martin: Nein.

00:52:43: Michèle: Da müsstest du ihn fragen.

00:52:44: Martin: Da müsstest du ihn fragen.

00:52:45: Michèle: Ja.

00:52:46: Martin: Ich bin überzeugt. Kirche erzählt von etwas, das universal ist, das losgelöst ist von der Zeit, dass irgendwie die Zeit überspannt, dass die Zeit umfasst. Und doch erlebe ich das halt in der Zeit. Mein Vater hat immer gesagt, man kann den Himmel entweder an der Erde anknüpfen oder die Erde am Himmel. Und ich glaube, das ist genau diese Diskussion. Von welcher Perspektive schauen wir? Und wir können eigentlich immer nur von der Erde zum Himmel schauen. Wir können immer nur aus der Zeit auf dieses Zeitlose schauen. Und deshalb sind wir, bleiben wir Teil des Zeitgeistes. Vielleicht, wenn das die richtige Diskussion ist. Wir bleiben immer zeitgebundene Wesen. Und? Und die Ewigkeit. Oder? Oder was? Diese Zeit umspannt die. Die sehen wir dann. Ja. Ich glaube, bis es dann soweit ist, sind wir hier und sollen hier sein und sollen uns Gedanken machen. Wie können wir das hier und Jetzt gut sinnvoll gestalten? Für uns, für unsere Mitmenschen, die wir kennen und die wir nicht kennen und und und. Alles andere, das kommt dann zu seiner Zeit oder eben dann nach der Zeit.

00:53:53: Michèle: Und bis dahin sind wir noch ein bisschen auf Social Media unterwegs.

00:53:57: Martin: Sind auch Social Media und sonst überall unterwegs. Genau.

00:54:01: Michèle: Martin Ich freue mich sehr, dass du heute hier warst. Ich habe echt viel mitgenommen vom Gespräch. Merci vielmals.

00:54:07: Martin: Merci für die Einladung.

00:54:09: Michèle: Und ihr findet diesen netten Kollegen im Internet unter dem Stichwort Parazzini. Das heutige Abschlusszitat stammt von dem Blog Einfach Kirche von Jonas Goebel. Er schreibt dort darüber, dass Kirche sich stets verändern muss.

00:54:25: Stationvoice: Lichtreflex.

00:54:27: Michèle: Kirche lebt nicht von Tradition, sondern Kirche lebt schon immer davon, dass sie wandelbar ist, eine neue Gestalt annimmt, sich anpasst, nicht wie eine Fahne im Wind. Nicht alle zwei Jahre eine Generalüberholung. Für mich gibt es eine ganz klare Verbindung zwischen einer sich wandelnden Kirche und dem Gott der Bibel. Denn auch dieser bewegt sich, ist lebendig. Keine tote Statue. Gott lässt mit sich quatschen und verhandeln. Wer sich gegen neue Formen von Kirche stemmt, der stemmt sich gegen das gesunde Fortbestehen von Kirche. Er stemmt sich gegen die Natur der Kirche. Liebe Community, merci fürs Dabeisein und Mitdenken, was in der nächsten Folge kommt. Keine Ahnung. Improvisieren. Ganz im Sinne von Martin. Und keine Sorge, es wird sicher trotzdem sehr interessant. Abonniert doch Reflex auf der Podcastplattform eurer Wahl. Merci. Auf Instagram und Facebook findet ihr die neuesten Posts der Ex. Und wie immer bleibt reflektiert. Hi! Hallo zusammen, ihr hört Reflex euren Podcast. Und wir machen das noch mal!

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