Interreligiöser Dialog
Shownotes
Zwischen Neugier und Abgrenzung: Die Religionsgemeinschaften der Schweiz wollen nicht nur nebeneinander existieren, sondern pflegen zunehmend auch einen bereichernden Austausch im interreligiösen Dialog. Hier werden praktische Probleme verhandelt, Ansichten respektvoll diskutiert und Freundschaften geschlossen. Rita Gianelli, Leiterin der Fachstelle Migration und Weltweite Kirche in der ref. Landeskirche Graubünden und Mitgründerin des Bündner Forums der Religionen, und Rabbi Ruven Bar-Ephraïm vom Zürcher Forum der Religionen, erzählen wie Begegnung Vertrauen schafft. Wie funktioniert der vielzitierte Dialog auf Augenhöhe? Wie sieht interreligiöse Arbeit heute aus? Und welche Themen muss man mit Fingerspitzengefühl angehen? In diesem Podcast erfahrt ihr auch: Warum Muslimas sich für einmal mehr für Maria interessieren als Christen und wen die Umarmung eines Rabbiners und eines Imams in grosses Erstaunen versetzt hat.
- Der interreligiöse Dialog ist ein wichtiger Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
- Respekt und gegenseitiges Verständnis sind essenziell für erfolgreiche Gespräche
- Bildung und Wissen über andere Religionen sind Grundpfeiler für den Dialog
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00:00:00: Stationvoice: Reflex. Dein Podcast zur Kirche und Gesellschaft Themen, die dich bewegen. Wir diskutieren Sie ein Podcast der evangelisch reformierten Kirche Schweiz.
00:00:12: Michèle: Hallo zusammen, ihr hört Reflex euren Podcast für evangelisch reformierten Content. Heute grüßen wir alle Sigristinnen und Sigristen. An einem meist kalten Novemberwochenende findet hier in Bern immer eine meiner Lieblingsveranstaltungen statt Die Nacht der Religionen. Da öffnen die meisten Religionsgemeinschaften ihre Türen. Man kann Tempel besichtigen, meditieren, basteln, essen, singen oder auch einfach nur diskutieren. Und wenn ich dann irgendwann am Abend im Gewusel im Foyer des Haus der Religionen stehe, wo acht Religionsgemeinschaften unter einem Dach versammelt sind, dann staune ich. Und in dieser Nacht verstehe ich vielleicht ein wenig, was dem anderen heilig ist und warum. Aber da wollen wir ja nicht stehen bleiben, wenn Religion eine Ressource für Orientierung und Solidarität sein soll. Wie kriegen wir das dann hin in der Schweiz, dieses Nebeneinander, Miteinander, Füreinander der Religionen? Das ist unter anderem Thema des interreligiösen Dialogs, den wir heute uns bei Reflex ein bisschen näher anschauen. Und deswegen habe ich mir zwei Gäste ins Studio zugeschaltet, deren Herz für den interreligiösen Dialog schlägt. Als erstes stelle ich euch gern vor Journalistinnen und Mediatorinnen Rita Gianelli. Sie schreibt für Reformiert Graubünden und leitet bei der Reformierten Kirche in Graubünden die Fachstelle Migration und Weltweite Kirche. Sie ist Gründungs und Vorstandsmitglied des Bündner Forums der Religionen und rufen. Ruven Bar Ephraïm war fast zwanzig Jahre Gemeinderabbiner der jüdisch liberalen Gemeinde Or Chadasch in Zürich. Er bringt grosse Erfahrung im interreligiösen Dialog mit und beteiligt sich an zahlreichen Begegnungen, Podien und Feiern, zum Beispiel im Rahmen des Zürcher Forums der Religionen. Herzlich willkommen euch beiden.
00:01:58: Ruven: Danke schön. Danke. Schön, da zu sein.
00:02:01: Michèle: Bevor sich einige Zuhörerinnen und Zuhörer über die Auswahl der Gäste wundern. Ich möchte betonen, dass ich gerne noch vertretene andere Religionen hier im Studio gehabt hätte, aber logistisch und praktisch ist das einfach nicht möglich. Wir könnten eine ganze Serie über den interreligiösen Dialog machen und heute zeigen wir eben einen kleinen individuellen Ausschnitt davon. Zu Beginn möchte ich euch fragen Welche Aspekte eures Glaubens öffnen euch eigentlich den Weg, mit anderen Religionen den positiven Austausch zu suchen?
00:02:32: Rita: Ja, übrigens, ich finde das eine gute Idee. Das mit der Serie Interreligiöser Dialog.
00:02:37: Michèle: Könnte man machen.
00:02:40: Rita: Also wir bringen hier ja nur einen kleinen Aspekt. Ich kenne so viele Menschen, die wie Ruven oder die Jahrzehnte, die jahrelang, jahrzehntelang im interreligiösen Dialog sind und die so spannende Geschichten zu erzählen haben. Das überlasse ich dann dir. Also zur Frage. Erstens mal ist es halt ein bisschen die Neugier. Das gehört ja auch ein bisschen zum Glauben oder zu zu der Spiritualität oder überhaupt zu Religion, auch in der Glaubensgeschichte des Christentums. Hat der interreligiöse Dialog schon immer eine Bedeutung? Also nicht immer so eine positive. Natürlich war das auch mit Konfrontation behaftet. Also wenn wir an das Alte Testament denken, die aus dem Exil ging und dann die neuen Kulturen im römisch griechischen Bereich antrafen, da gab es auch Differenzen. Also das ist wie ein Thema, das sich durch die ganze, durch das ganze Christentum auch zieht. Ein Verständnis von Religion und Ritualen und so. Wenn ich jetzt auf meine Arbeit bei der Fachstelle Migration und weltweite Kirche schaue, so der Dienst am nächsten. Also ich habe viel mit Migrantinnen zu tun. Ich erfahre immer wieder, dass wenn ich sage, ich arbeite für die Kirche, das ist so wie ein Eisbrecher. Also auch wenn wir, ich bin ja nicht wahnsinnig praktizierende religiöse Gläubige, sondern ich interessiere mich vor allem auch und ich bin unreformiert. Ich habe wirklich eine reformierte Identität, aber ich praktiziere das jetzt nicht groß. Und es gibt auch bei den Migranten viele, die in ihrem früheren Leben vielleicht gar nicht so religiös waren. Aber dann haben sie die Flucht überstanden und sind plötzlich religiös und Kirche. Und es ist so wie ein Vertrauen da und Menschen, die neu hier sind, ihren Glauben ausüben können und und dazu möchte ich einen Beitrag leisten können, damit das auch für alle gelingt.
00:04:39: Ruven: Zuerstmal Rita, ich. Ich muss sagen, dass deine historische Bezeichnung von meiner Seite nicht so erlebt wird. Also die die Kontakte zwischen Jüdische Menschen und die die organisierte christliche Herrschaft war nicht immer so auf Neugier und Interesse und Nächstenliebe gegründet. Glücklicherweise ist das. In den letzten Jahrzehnten hat sich das sehr geändert. Aber vorher habe ich ein bisschen ein anderes Bild und es ist eigentlich das gleiche Bild, das ich habe von in der jüdischen Geschichte selber. Und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass wir sicher im christlichen Welt immer eine Minderheit waren und nicht immer geliebt. Also die Neugier war war nicht da. Das ist auch eine Entwicklung und vor allem in der mehr liberalere Kreise von der jüdischen Gemeinschaft hat sich das mehr etabliert als in die Ultraorthodoxe. Aber für mich basiert sich das auf eine Diskussion zwischen zwei Rabbinern aus dem zweite Jahrhundert. Rabbi Akiba, der sagt, dass der Goldene Regel zentrale Vers in Torah ist tatsächlich Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wenn er sei seinen Counterpartner hat es gesagt Nein, nicht das, sondern das ist das Buch der der Menschheit. Und das ist ein Zitat aus Genesis, Kapitel zwei, Vers vier, gleich nach der ersten Schöpfungsgeschichte. Er sagt Seehofer. Das ist das Buch. Es ist das Buch der Geschichte der Menschheit. Und damit sagt er Wir müssen weiter schauen als unsere nächste, und der nächste kann sehr eingeschränkt erklärt werden. Und wenn wir die die Menschheit anschauen, dann ist das inklusive jeder Mensch meine Inspiration sozusagen. Um diese Verbundenheit, diese Diskussionen, diese diese Kontakte anzugehen.
00:07:06: Michèle: Vielleicht müssen wir auch noch mal kurz an den Anfang gehen. In euren Augen. Wie würdet ihr eigentlich interreligiösen Dialog verstehen? Was ist denn das eigentlich überhaupt? Oder wäre der Begriff interreligiöse Arbeit eigentlich der viel bessere Begriff?
00:07:21: Ruven: Ich glaube, das ist eine Diskussion, die wir im Zürcher Forum der Religionen mal gehabt haben. Es war so Dialog, dass das heißt, dass man über ein Thema miteinander redet und diskutiert usw Und das ist tatsächlich weniger so in der Realität. Jemand spricht und dann sagt jemand etwas anderes, was nicht damit zu tun hat. Wir präsentieren unsere Meinung über von unserer Traditions standpunkt her. Aber gehen Sie eigentlich nicht ein darauf, wo es vielleicht reibt? Mit mit, mit was ein was aus der anderen Tradition kommt? Und in Praxis ist es denke ich viel, aus meiner Sicht viel mehr interreligiöse Arbeit wie tatsächlich Dialog. Ich muss sagen Miniatur. Haben wir das schon mal wieder schon gehabt? Ich habe mit Pfarrerin Jacqueline Sonetto zusammen mit Reformierter Kirche in Zürich und unserer Gemeinde haben wir Lernabenden organisiert, wobei wir den gleichen Text von Thora Christliche Bibel analysiert haben und unsere, die, die unsere unsere Interpretation Exegese miteinander verglichen haben. Und das ist noch mehr Dialog. Dann interreligiöse Arbeit. Aber es muss anfangen mit interreligiöse Arbeit. Man kann nicht direkt in die Materie stoßen, weil das ist nicht immer einfach. Wenn ich ein Beispiel nehmen darf Die Geschichte über den barmherzigen Samaritan ist für jüdische Leser eigentlich verletzend. Nicht, weil Samaritan geholfen wird. Das ist gut. Aber wie dort geredet wird, über den Levit und der Priester. Und ich verstehe das schon von Zeit her, weil es, wenn es geschrieben ist und usw und die Entstehungsgeschichte des Christentums und usw. Das verstehe ich schon. Aber heute zu Tage ist das. Gibt es ein anderes Bild? Es ist eine schwierige Stelle, um darüber zu reden, miteinander tatsächlich einen Dialog zu führen. Wieso das? So eine bejubelte Passage ist in der christlichen Tradition und wieso das für jüdische Zuhörer und Leser verletzend ist.
00:09:43: Michèle: Das ist vielleicht ein gutes Beispiel. Rita, würdest du rufen widersprechen oder bist du der gleichen Meinung?
00:09:49: Rita: Ich habe natürlich nicht so die Erfahrung, diese lange wie Ruven. Ich komme auch eher aus der Praxis. Also ich denke, das gehört ein bisschen zusammen, um eine Atmosphäre des Dialogs überhaupt zu schaffen. Dass man zusammenkommt in Akzeptanz und dass eine Vertrauensatmosphäre auch herrscht, braucht es ja schon ein bisschen Arbeit vorher. Vernetzungsarbeit und die macht man mit, mit Veranstaltungen, mit Workshops zum Beispiel oder mit der Gründung eines Vereins oder so, und das ist Arbeit, die geschieht im Dialog. Ich habe das eigentlich schon auch kontrovers erlebt, diese Arbeit und aber immer auch in einem konstruktiven Maß eigentlich. Also wir organisieren ja auch immer Podien, interreligiöse mit aktuellen Themen. Und ich erinnere mich an ein Podium zum Thema Kopftuch Für euch in Zürich ist es vielleicht etwas, über das man gar nicht mehr sprechen muss, oder? Und wir hatten hier jetzt das erste Mal das Thema. Das war ganz interessant, weil da merkte ich auch vom Publikum, dass die Dankbarkeit oder dass man auch, dass man direkt einfach auch mal diese diese Fragen stellen kann, die, die wir ja seit Jahren immer stellen warum trägt. Und diese Vorurteile von wegen Frauen müssen Kopftuch tragen. Wir hatten drei Frauen auf dem Podium und alle hatten ein Studium, eine Ausbildung. Es sind also intellektuelle Frauen, die selber entscheiden, dass sie ein Kopftuch wollen. Daneben war ein Geschäftsmann, der einfach sagte Wir sind noch nicht so weit, Wir müssen uns zuerst daran gewöhnen, und wir trauen uns noch nicht so ganz. Jetzt auch in unserem, in unserem Geschäft. Frauen mit Kopftuch hinter die Theke zu stellen, weil das wäre dann ein Affront. Und die Frau mit Kopftuch hat gesagt Ja, das habe ich ja gar nicht gewusst, dass es für euch so und so ist. Also natürlich gibt es Konfrontationen und Irritationen, aber es ist ein Anfang und ich glaube, es entschärft auch ein bisschen etwas. Also da muss man wie weiter dranbleiben und man muss muss in Kontakt kommen. Aber zum Beispiel bei thematischen Workshops. Also wir hatten einen zum Thema Maria aus der Sicht von verschiedenen Religionen, auch mit einem reformierten Pfarrer, mit einem Imam, mit einem katholischen Pfarrer. Da kamen praktisch nur Musliminnen und Muslime, die waren sehr interessiert daran. Also wirklich die die christlichen Interessierten waren in der Minderheit. Es war ein total schöner Anlass. Ein bisschen enttäuschend für für die Referenten, weil es nicht so gemischt war, wie man sich das erhofft hatte. Aber eine Neugier merke ich immer auch von den anderen Religionsgemeinschaften dem Christentum gegenüber. Und ich glaube, da können wir Christen wirklich auch ein bisschen lernen, wie vielleicht du vorher gesagt hast. Wenn diese Neugier fehlt manchen. Und vielleicht ist das auch mit Angst behaftet, dass sich der eigene Glaube verwässert. Aber für einen funktionieren die funktionierenden interreligiösen Dialog. Das merke ich immer wieder. Braucht es eine feste Verankerung im eigenen Glauben, in der eigenen Religion? Sonst funktioniert das nicht. Oder Wir haben immer wieder auch bei den Versammlungen des Bündner Forums der Religionen, wo ein jüdischer Gelehrter kam und über rabbinisches Denken im Neuen Testament spricht. Da merken Angehörige aus anderen Religionsgemeinschaften wie eritreisch Orthodoxen oder dass sie vieles gemeinsam haben in diesen Sachen. Oder Muslime haben mehr Gemeinsamkeiten mit Juden als als Christen mit Juden in gewissen Fragen, oder? Und dies zu entdecken im gemeinsamen Dialog, das finde ich hochspannend. Angst, dass sich unsere Religion verwässert oder dass man unterwandert wird. Das muss man nicht haben. Das Gegenteil ist der Fall beim interreligiösen Dialog.
00:13:43: Michèle: Aber trotzdem finde ich die Frage schon spannend, weil ich würde mir das auch stellen, wenn ich da eintrete. Wie gehe ich jetzt damit um? Ich bin Christin und ich bin das ja auch aus dem Grund ein bisschen, weil ich sage Hey, das ist meine Überzeugung. Ich finde meinen Glauben auch irgendwie am besten. Wie hält man sich trotzdem offen, wenn jemand anders interpretiert und sagt Aber das ist für mich die Wahrheit? Oder ist der Begriff Wahrheit gar nichts, was oft vorkommt im interreligiösen Dialog?
00:14:14: Rita: Doch natürlich kommt das vor Wahrheit. Also ich habe in einer Weiterbildung auch die Erfahrung gemacht, dass für manche orthodoxen Christen oder dass die Bibel eine ganz andere Bedeutung hat als für mich. Also für sie ist die Bibel, das Buch Gottes, also etwas wirklich Heiliges, oder? Natürlich hat für mich die Bibel schon auch eine, ein bisschen eine andere Bedeutung als jetzt ein Roman oder so, aber für mich ist es in erster Linie ein Buch mit wahnsinnig viel Inspiration usw Und dann gibt es natürlich Differenzen und man kann ja auch ein bisschen streiten sozusagen. Also streiten, ausdiskutieren und eben so nach solchen Diskussionen, dann reflektiere ich mich auch wieder neu. Das ist, glaube ich, schon auch das Ziel des interreligiösen Dialogs, dass man bereit ist, sich selber zu reflektieren und eine Offenheit zu haben. Wenn man die nicht hat, muss man nicht in den interreligiösen Dialog treten. Es müssen ja auch nicht alle.
00:15:17: Ruven: Mit dem letzten bin ich sehr einverstanden. Ich denke, dass wenn das, wenn das Ziel von einer der Teilnehmerinnen an einen solchen Dialog ist, die andere Teilnehmer zu überzeugen, dass die Wahrheit, die dieser Person anhängt, die einzige Wahrheit ist. Das geht dann nicht. Das ist nicht gut, Das ist nicht richtig. Auch die Diskussion ist nicht, um zu überzeugen. Die Diskussion ist vielleicht zu überzeugend. Ich bin kein Gefahr für dich. Und du auch nicht für mich. Obwohl ich nicht glaube, was oder wie du glaubst, gibt es ja diese Freiheit, um das schon zu machen. Das sollte ein Basis der der Dialog sein. Überzeugung, dass es nur eine Wahrheit gibt. In diesem Sinne, wie man das Wort Gottes verstehen und Leben nach leben soll. Das geht nicht nach meiner Meinung.
00:16:11: Rita: Ja, da stimme ich dir voll zu Und das ist ein Problem für manche Gemeinschaften und oder auch Menschen, die müssen da ja dann auch nicht teilnehmen.
00:16:21: Ruven: Das ist glaube auch nicht, dass sie das machen. Ich denke, dass derjenige die Berührungsängste haben. Vielleicht kommen sie zu einem Anlass, um das mal so aus der Ferne anzuschauen, aber tatsächlich interreligiöse Arbeit zu verrichten. Man muss doch alle fest in der eigenen Tradition verankert sein. Die werden da überhaupt nicht dauernd damit anfangen. Und auch solche, die das nicht hören wollen, überhaupt. Und dann denke ich an meiner ultraorthodoxen Brüder und Schwester zum Beispiel.
00:16:56: Michèle: Ja, bevor wir weiterreden, habe ich mich im interreligiösen Feld der Schweiz mal ein bisschen umgeschaut.
00:17:02: Stationvoice: Reflector.
00:17:04: Michèle: Die Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz IRAS COTIS zählte zwei tausend drei und zwanzig insgesamt drei nationale interreligiöse Organisationen. Da gibt es zum Beispiel den Rat der Religionen, den zurzeit Rita Famos präsidiert. Dann gibt es noch sieben und zwanzig kantonale und lokale interreligiöse Organisationen, die Runde Tische, Foren oder Plattformen. Hier wird sehr viel Freiwilligenarbeit geleistet. In verschiedenen Kantonen wurde der interreligiöse Dialog als Instrument für ein friedliches Zusammenleben und als Radikalisierungsprävention institutionalisiert. Die Woche der Religion findet jährlich im November in der ganzen Schweiz statt. Die unterschiedlichen Veranstaltungen haben zum Ziel, das Thema Religion öffentlich sichtbar zu machen. Dafür öffnen Religionsgemeinschaften ihre Türen. Sie ermöglichen Begegnungen, Dialoge und Inspiration. Ich habe mich auf der Webseite von IRAS COTIS ein wenig umgeschaut und sie schreiben zum Beispiel in einem Basistext auf der Webseite Interreligiöser Dialog ist in der Schweiz ab den neunziger entstanden. Bzw. Hat er richtig Fahrt aufgenommen. Könnt ihr euch erklären, warum das zu diesem Zeitpunkt so losging? Was ist damals passiert?
00:18:18: Ruven: Ich war noch nicht in der Schweiz. Ich bin erst seit zwei tausend sieben in der Schweiz und das erste was ich gelernt habe, ist, dass in der Schweiz alles passiert, was in der Rest der Welt auch passiert. Aber nur zwanzig Jahre später. Ich denke, dass das auch mit dem interreligiösen Dialog der Fall ist. In den siebziger Jahren hat es sich, soweit ich weiß, in der Niederlande entwickelt. Das ist auch wieder später. Als aber das Zweite Vatikanische Konzil in den sechziger Jahren. Es braucht ein bisschen Zeit. Zu dieser Zeit, siebziger Jahre war der interreligiöse Dialog hat sich zuerst mal zwischen Reformierten und Katholiken hat das angefangen und danach sind es die jüdische Gemeinschaft dazu einbezogen wurden. In den Niederlanden hat das selbstverständlich auch damit zu tun, mit der Geschichte der Zweiten Weltkrieg und die Morde auf der auf etwa ein hundert tausend Juden. Das hat sich dann erst danach entwickelt und und dann später sind dann die Muslime dazugekommen. Vielleicht hat es mit ihr etwas anders zu tun. Und das ist das, Lass mal sagen. Siebziger Jahre oder neunziger Jahre. Ungefähr gleich. Wenn man keine anderen Probleme mehr hat, dann kann man sich richten auf die Sache, die vielleicht scheinen, an der Marge sich abzuspielen, Diese oder wichtig zu sein, nur nur in der Marge. Ein Zeichen des Wohlstands von Europa ist, dass wir dazu gekommen sind. Und man sieht auch jetzt heute, dass das ein bisschen unter Druck steht, weil wir eine andere Art von Problemen haben.
00:20:05: Rita: Das stimmt. Und ich finde, gerade deswegen ist natürlich der interreligiöse Dialog jetzt umso wichtiger. Und wir müssen unsere Netze pflegen und den Dialog aufrechterhalten. Ich mache manchmal auch so ein bisschen die Erfahrung, dass man ein bisschen Hemmungen hat, jetzt über gewisse Sachen zu reden. Aber nichtsdestotrotz, auch wenn ich Anfrage für die Woche der Religionen, für gewisse Veranstaltungen sind die Menschen immer noch bereit zu kommen, zu sprechen, mit miteinander auf der Bühne zu stehen usw. Das war in den neunziger Jahren, da war ich noch gerade von meiner Indienreise zurück und im Begriff, eine Familie zu gründen. Ich habe da mich nicht so mit interreligiösen Dialog befasst, aber ich habe schon auch ein bisschen mitbekommen immer mehr Tamilen, die sich langsam hier etablierten und ja, das steht ja auch bei ihres Gottes. Oder dass das, was da dieser große Anlass war, wo sich alle Religionen präsentiert haben. Und ich erinnere mich wirklich auch noch, dass der Theologe Hans Küng dieses Weltethos publiziert hat. Und das könnte vielleicht auch ein bisschen befeuert haben und wurde viel diskutiert und auch kontrovers. Und vielleicht sind da so ein paar Sachen zusammengekommen, die, die das befeuert haben. Ja, so eine Aufbruchsstimmung. Ich denke schon, ja. Es ist ja auch im ÖRK. Im Ökumenischen Rat der Kirchen ist ja interreligiöser Dialog sozusagen schon länger ein Thema seit neunzehn hundert zehn. Die haben da auch ein schönes Papier gemacht. Eigentlich wollte man ja diesen interreligiösen Dialog. War ja zuerst ein bisschen missionarisch geprägt. Also man wollte die evangelische Evangelisation weiterverbreiten. Man kämpft ein bisschen mit den gleichen Themen wie heute. Also die Säkularisierung und erst so in den siebziger Jahren. Ja, und vor allem natürlich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wie du auch gesagt hast. Da hat man auch im ÖRK den Dialog geöffnet für andere Religionsgemeinschaften und hat das auch versucht, so auf Augenhöhe zu führen.
00:22:11: Michèle: Was hat euch beide in den interreligiösen Dialog geführt? Also gab es da ein Schlüsselereignis, dass ihr gesagt habt Ah, jetzt gehe ich in so eine Gruppe und engagiere mich? Oder kam das ganz anders?
00:22:22: Ruven: Ich habe angefangen, als ich noch in Israel gewohnt habe, der auf zwei Punkten. Ich wohnte in Nahariya im Norden Israels. Dort ist ein nebendran eine Siedlung Netzarim, was ein christlicher Siedlung ist, also nicht ein lokal christlicher, sondern europäisch christlicher Siedlung, womit ich gute Verhältnisse hatte. Ich bin dort oft gewesen, um zu lernen und usw. Auf anderer Ebene gab es eine religious religious Council im Norden Israels, wo Christen, Muslime und Juden. Und da war ich auch dabei als ein anderer Gesichtspunkt, weil ich war damals Teil der Mehrheit. Ich bin dann ein Freund von ihnen in den Niederlanden zurückgegangen zu arbeiten bei einer liberalen Gemeinde und die Gemeinde war Mitglied der städtischen interreligiösen Rat. Also das war eigentlich hat zu tun mit meine Funktion, aber die es war für mich auch eine logische verfolgt darauf, was in Israel vorher passierte. Und das ist eigentlich genauso passiert in Zürich. Wobei ich dann in der im Forum der Religionen unserer Gemeinde vertreten habe. Diese Vertretung hat dann geführt so viele andere Kontakte mit interreligiöse Arbeit. Das ist so wie Wasser, was sich selber irgendwie auf das auf der auf dem Boden verbreitet und. Und so bin ich in sogar in Graubünden mal eine oder andere in der Schweizer Orte angekommen, für, für, für Podien oder was auch immer. Und ja, man hat meine Nummer. So dass ich denke, dass das.
00:24:24: Michèle: Und wie war das bei Rita? Du bist ja noch nicht ganz so lange dabei.
00:24:28: Rita: Ja, genau. Aber eigentlich, wenn ich so überlege, hat der interreligiöse Dialog oder die Auseinandersetzung mit einer anderen Religion mich überhaupt für das Thema Religion sensibilisiert. Also das war vor meiner ersten Indienreise, vor jetzt bald dreißig Jahren. Oder noch mehr. Wir sind da wirklich monatelang herumgereist, haben Tempel besucht, haben Yoga kennengelernt. Diese Offenheit auch und diese Vielfalt des Hinduismus hat mich wahnsinnig beeindruckt. Und was mich auch beeindruckt hat, ist, war und ist immer noch die Spiritualität im Alltag, die alle haben. Ob Banker, ob die unterste Kaste, die Unberührbaren. Alle sind sie spirituell und integrieren das in ihren Alltag. Und das hat mich irgendwie fasziniert, so dass ich mich gefragt habe Wie ist das eigentlich mit meiner eigenen Religion? Ja, welche Formen habe ich da? Ich habe mich da dann auseinandergesetzt und bin so halt dann irgendwie auch bei der Kirche als Arbeitgeber gelandet. Glücklicherweise. Und ich glaube, das war so meine Initialzündung, würde ich schon sagen. Ich bin immer noch fasziniert von Indien und. Und wenn jetzt, wo, wie, wo wir wieder immer wieder mal hingehen, gibt es vieles, das mich auch ein bisschen befremdet und im Widerspruch steht. Dann diskutiere ich das dann mit Freunden, die hier leben, mit Hindus und oder eben im Forum der Religionen. Und ich bin natürlich dann auch. Also es gibt ja in der Landeskirche seit Jahrzehnten einen interreligiösen Dialog und irgendwann kam der Wunsch von den Religionsgemeinschaften, das zu institutionalisieren. Und ich durfte dann mit Unterstützung von Mark Bundy vom Zürcher Forum der Religionen. Diesen Verein gründen und eine tolle Sache, auch zu erleben, wie die Mitglieder das schätzen. Also aus den verschiedenen Religionsgemeinschaften sehr ermutigend und inspirierend.
00:26:33: Michèle: Also da standen die Zürcher Pate für den Verein in Chur.
00:26:37: Rita: Genau. Man muss ja das Rad nicht neu erfinden. Und wir haben uns da so ein bisschen die Statuten abgeguckt. Ja.
00:26:44: Michèle: Ich möchte mit euch wirklich mal in diese konkrete Arbeit der zwei Foren reinspringen. Was ist denn der Nutzen dieser Foren? Einerseits für die Leute, die drin sind und andererseits vielleicht auch die drumherum?
00:26:59: Rita: Für die Leute, die drin sind, würde ich sagen, ist es eine Anerkennung auch für ihre Arbeit, dass diese auch sichtbar wird. Und nur schon, dass der Imam neben dem Bischof oder neben einem Priester sitzt und im gleichen Gremium zu den gleichen Themen spricht, dass man sich unterhält. Das ist mit anerkannten, also anerkannten Religionsgemeinschaften, mit nicht anerkannten Gemeinschaften, die einfach als Verein organisiert sind. Das ist schon mal ein Zeichen des Respekts und der Achtung. Und so gegen einen. Und ja, also ich merke auch, dass viel Neugierde da ist. Wie sieht es bei euch aus? Wir haben schon gemeinsam eritreische Gottesdienste besucht und das ist das war so was von inspirierend. Auch was bringt das für die Leute? Eben. Es bringt Respekt und es bringt Sichtbarkeit. Und für die Gesellschaft. Es ist ein Zeichen, dass man eben doch miteinander redet. Entgegen aller Kommunikation aus politischen Kreisen oder Medien zum Teil auch.
00:28:08: Ruven: Ich muss sagen, ich habe auch selber sehr viel Freude gefunden oder empfangen bei der Arbeit oder auch bei den Sitzungen Schon Freundschaften, die angeknüpft wurden, sind also auch auf ganz persönlicher Ebene hat es, hat es viel gebracht. Und die Projekte, die dann, die man dann zusammen macht, sind sehr bereichernd. Vom Wissen her. Unsere Gemeinschaften oder unsere Traditionen haben kein gutes Image. Wir sind ja schuld an internationale Konflikte und und usw. Wenn dann tatsächlich in der Öffentlichkeit Man sieht, dass die Vertreter und Vertreterinnen zusammen ein Podium teilen und nicht nur das und einander umarmen und einander mit Freude begegnen. Ich glaube, das ist eine Botschaft. Ich kann eine Anekdote erzählen. Ich wurde mal zusammen mit einer reformierten Pfarrerin und ein Imam eingeladen zu einer Mittelschule in Zürich, wo sie und das ist nach dem siebte Oktober war sie viel Problemen hatten mit religiösen Spannungen. Etwa vierzig Prozent der Schüler und Schülerinnen sind Muslime und Musliminnen. Ich glaube, zwei oder drei jüdische Schüler, Schülerinnen und der Rest entweder religionslos oder oder christlich, die die Spannungen in der Welt haben Reflexion gehabt, in der wie die Schüler und Schülerinnen miteinander umgegangen sind. Und die Schulleitung hat dann mit uns ein Projekt zusammen, ein Projekt entwickelt und das Projekt haben wir dort gemacht. Die Rückmeldungen der Schüler Schülerinnen, was sie am meisten getroffen hat, war, dass der Imam und ich einander umarmt haben beim Begrüßen.
00:30:05: Michèle: Das hat sie beeindruckt. Ja.
00:30:08: Ruven: Das hat sie sehr. Das hat eigentlich nicht für möglich gehalten. Das war ja für. Juden sind für generalisieren. Das ist nicht so, aber in der Hauptgruppe von vielen dieser muslimische Schüler und Schülerinnen wahr sind Juden haram. Also das darf man nicht anfassen, nicht berühren, das ist außerordentlich. Und für die anderen, für. Für Nichtmuslime sind Muslime vielleicht in ihre Köpfe etwas, woraus Gefahr kommen könnte und dass wir einander. Wir sind befreundet durch das Forum der Religionen, dass wir einander umarmt haben dort als Begrüßung. Das hat, das war eigentlich der Top Hit von der ganzen. Das ganze Projekt. Und wenn wir nur das gemacht hätten, hatten wir schon alles erreicht, was wir erreichen konnten.
00:31:01: Rita: Ja, ich kann das nur unterstützen oder auch bekräftigen. Also solche Erfahrungen machen wir genau auch. Ich höre auch immer wieder bei den interreligiösen Podien aus dem Publikum, wo auch viele Menschen säkulare Menschen dabei sind. Oder dass sie sagen, dass sie das überrascht hat, diese Diskussionskultur usw. Und du hast am Anfang die goldene Regel erwähnt, Das ist genau das, oder? Also man diskutiert verschieden und hat verschiedene Ansichten. Aber die Grundwerte, die sind ja in allen Religionen gleich und und das muss man auch mal betonen oder das wissen ja viele auch nicht. Also man denkt halt, Menschenrechte zählen nicht im Islam oder diese Vorurteile und das kann man mit solchen Podien.
00:31:50: Ruven: Genau.
00:31:50: Rita: Wo es wo es um grundlegende Themen geht, wiederlegen, oder? Also dass man zwar die die verschiedenen Bereiche ausdifferenziert, die Rituale und Traditionen unterscheiden sich, aber die Grundwerte eben. Diese goldene Regel gilt für alle Religionen.
00:32:07: Michèle: Und habt ihr manchmal in diesen Podien, Diskussionen auch ein bisschen ein Problem zu sagen. Wer darf jetzt für wen sprechen? Rita, wenn du dort sitzt als Reformierte, sagst du in dem Moment Dir ist jetzt meine Rolle, das Christentum zu vertreten. Aber eigentlich ist es ja unmöglich, weil selbst die Christen, wir haben es eben schon gesagt sind untereinander ganz unterschiedlich. Und ich denke, im Judentum ist das ähnlich, oder?
00:32:34: Rita: Ich bin ja nicht auf dem Podium, ich organisiere die Podien und ich vermittle. Mir ist es wichtig bei der Organisation, dass wir ein Thema haben und dass wir schauen, wenn wir einen Bischof einladen oder einen Imam, dass wir auf der gleichen Ebene natürlich einladen, also dass er nicht ein Imam ist und eine Konfirmandin oder so, sondern so die gleichen Ebenen haben. Und das macht es ja auch spannend. Also habe ich deine Frage richtig verstanden.
00:33:01: Michèle: Ja, es geht darum, wer darf für welche Religion sprechen. Also es kann ja nie jemand für alle sprechen, weil es gibt ja nicht den Juden und.
00:33:10: Rita: Das haben wir auch nicht den Anspruch, dass man so die ganze Religionsgemeinschaft vertritt. Oder wenn jetzt ich oder jemand anders auf dem Podium sitzt. Wie gesagt, man spricht zu einem Thema und man hat die eigene Ansicht und die eigene Interpretation, aber natürlich immer in dem Rahmen, den die eigene Religionsgemeinschaft vorgibt. Und das ist eben das Spannende. Indem wir halt jetzt wieder das Thema Kopftuch. Wir hatten auch schon andere Themen, wo die gleichen Überraschungen hervorkamen, aber die Interpretation ist unterschiedlich und aber was, was alle gemein haben, die den Koran lesen. Es steht wirklich nirgends, dass eine Frau das zwingend anhaben muss und und da haben durchaus unterschiedliche Interpretationen Platz. Also es geht nie um Zwang, es ist immer eine eine eigene Entscheidung, die, die die Frauen treffen. Es ist eine Selbstverwirklichung.
00:34:07: Michèle: Wie bestimmt man? Wer darf eigentlich für wen stellvertretend reden? Vielleicht hat Ruven dazu auch noch ein paar Gedanken.
00:34:14: Ruven: Ja, also man muss Kenntnis haben, Wissen haben. Ich betone auch immer, dass ich nur eine Fraktion der jüdischen Gemeinschaft vertrete. Ich kann schon erzählen, was in anderen Teilen der jüdischen Gemeinschaft gedacht wird, aber auch dann durch Unrecht an, an, an vielen in dieser Stille. Das ist ja unmöglich. Genau wie du gesagt hast. Es ist. Wir sind Individuen. Und ich denke und jetzt begebe ich mich auf ein Terrain inkognito im katholischen Bereich. Sogar Papst kann nicht sagen, dass er für alle Katholiken spricht, weil die es gibt. Ja. Er sagt das schon. Aber eigentlich im Sinne der Sache gibt es Katholiken, die nicht unbedingt unbedingt mit ihm einverstanden sind. Sicher Traditionen, wo es keinen Papst gibt oder keine hierarchische Führung. Ist das unmöglich. Du kannst nur autoritär reden für deine Gemeinschaft, die dich schickt oder gehen lässt, aber nicht für, für, für alle.
00:35:25: Rita: Das finde ich ganz wichtig, was du sagst. Man muss Wissen haben, sonst kann man sich auf diesem Terrain gar nicht bewegen. Darum ist es ja auch anspruchsvoll. Oder dieser interreligiöse Dialog, das kennt ihr wahrscheinlich im Haus der Religionen bei Perovic. Und was ich meine er ist ja sehr liberal und er sagt auch also, was ich hier sage, das ist meine Interpretation von Islam. Und das teilen lange nicht alle. Und und das ist natürlich auch bei den Reformierten so, wir haben ein tausend verschiedene Ansichten, aber man bewegt sich immer in seinem Terrain von von der eigenen Religionsgemeinschaft. Um dann eben diskutieren zu können, muss man sich darin wirklich gut auskennen.
00:36:11: Ruven: Es ist ja immer das liberalere Teil der Glaubensgemeinschaft, Der, der überhaupt bereit ist für den Dialog. Die, die, die die orthodoxeren teile machen das nicht.
00:36:26: Michèle: Der Konservative.
00:36:27: Ruven: Ist besser.
00:36:27: Rita: Ja, ja.
00:36:28: Ruven: Ja, ja.
00:36:29: Rita: Ja. Der interreligiöse Dialog hat auch einen Gegenpol und eine Inspiration für alle, die es nicht sind. Und eine Unterstützung, ja eine Vernetzungsmöglichkeit finde ich auch wichtig. Und so Kraft erhalten.
00:36:44: Ruven: Ja.
00:36:44: Michèle: Ihr habt ja jetzt schon angesprochen. Wissen ist sehr wichtig. Ich denke aber auch Werte und Haltungen, oder? Also macht ihr euch das manchmal auch bewusst, bevor ihr da einsteigt? Respekt! Wir pflegen die Gemeinschaft. Dass man das so als Grundhaltung schon mitbringt.
00:37:05: Ruven: Wir haben sehr viele Gruppen, die, die zu uns kommen oder dazu kommen für eine Führung. Wie das dann genannt wird. Wir haben nicht so große, aber es ist vor allem eine Begegnung. Ich sage immer, es gibt Für mich gibt es keine Tabus von Fragen. Jede Frage darf gestellt werden. Sicher, auch ich sehe, es gibt dann irgendwo auch etwas über das Konflikt Israel Palästina. In der Frage ist aber auch auch über über die Traditionen des Judentums. Es gibt keine von mir aus kein Tabu, weil so, nur so kann man versuchen, um Voreingenommenheit oder Stereotypen oder so zu zu zu wehren.
00:37:53: Rita: Also bei uns gibt es schon manchmal Tabus, man muss ein bisschen schauen. Also wenn ich so Migrationsspaziergänge organisieren oder in den interreligiösen Zug und wir mit einer großen Gruppe sind und auch mit Jugendlichen und so, und wenn dann der jüdische Begleiter sagt, wenn wir die Synagoge besuchen in Davos. Also ich möchte nicht unbedingt über die Politik sprechen, dann akzeptiere ich das oder dann, aber dann interessiert es auch nicht groß in diesem Rahmen. Oder es ist dann eine Zugfahrt. Wir besuchen verschiedene Religionshäuser und dann ist das okay. Oder auch, wenn wir ein Podium haben und das Thema Tod, Bestattungsrituale und jemand sagt, er möchte politische Sachen vermeiden, dann akzeptiere ich das. Ich spüre dann auch, man ist halt noch nicht so weit und es braucht halt eine gewisse Übung und es braucht noch Zeit, bis man darüber auch sprechen kann. Wenn du fragst wie geht ihr rein? Also ich finde auch die ganz praktische Seite wichtig. Zum Beispiel im Münchner Forum der Religionen machen wir die Generalversammlung immer an einem Sonntag und ich berücksichtige dann die anderen Religionsgemeinschaften, die meistens an den anderen Tagen ihre Feiertage haben. Freitag, Samstag oder unter der Woche sowieso schwierig. Aber dann machen wir es immer an einem Sonntag und dann beim Apero dann halt immer vegetarisch. Und auf Alkohol wird nicht immer verzichtet. Das überlassen wir dann schon auch frei Entscheidungen. Diesen Rahmen schaffen, das finde ich schon auch noch wichtig. Die kleinen Details, wo man aufeinander Rücksicht nimmt.
00:39:29: Michèle: Was ja zunehmend auch wichtiger wird. Ihr habt das auch schon ein bisschen erwähnt im interreligiösen Dialog. Oder die Leute, die auch zu Podien kommen, als Publikum zum Beispiel. Da gibt es zunehmend mehr säkularisierte Leute, also Leute, die sagen, ich gehöre zu keiner Religion. Und generell interessiert mich vielleicht auch Religion gar nicht so sehr. Und ich bin doch der Meinung, Religion ist Privatsache. Was entgegnet ihr solchen Leuten, warum interreligiöser Dialog trotzdem wichtig ist?
00:39:58: Ruven: Ehrlich gesagt, ich. Ich bin nicht dabei, Leute davon zu überzeugen. Ich denke, die Gelegenheit, zusammenarbeitende Organisationen bieten für einen ein Treffen mit einer Tradition, die man nicht kennt. Das ist schon eine Einladung. Und dann kann man damit tun, was man will. Aber uninteressiert, die treffe ich auch nicht. Ehrlich gesagt, die kommen nicht zu diesen Anlässen.
00:40:30: Rita: Ja, ich sehe, ich sehe das auch so wie Ruven Ich komme halt wieder mit dem Kopftuch, weil es wirklich viele Feedbacks gab. Aber ich finde, wenn man urteilt über Frauen mit Kopftuch, dann muss man schon auch wissen, über was man urteilt, oder? Und dann finde ich ja, soll man solche Podien auch besuchen und die Leute kommen ja auch. Also ich, ich habe das auch. Es geht mir nicht darum, möglichst viele Menschen einzuladen, sondern genau die, die sich dafür interessieren. Und das sind auch Menschen in den Transitzentren. Das sind Konfirmanden und einzelne Personen, die als Menschen aus den Kirchengemeinden sind schon offen für dieses und viele junge Leute auch. Ich bin immer überrascht, auch bei ihrer Scotties, obwohl Katja immer ein bisschen jammert, dass man veraltet. Ich finde es nicht unbedingt. Also ich sehe viele jüngere Menschen auch, die sich für den interreligiösen Dialog interessieren und sich darin engagieren. Und das finde ich auch eine Chance für die eigenen Religionsgemeinschaften. Also wenn man Mitglieder verliert, aber vielleicht Gleichaltrige sieht in anderen Gemeinschaften, das kann ja auch ein bisschen anspornen, vielleicht sich mit Religion auseinanderzusetzen.
00:41:47: Michèle: Und Rita, bei den Reformierten sind wir noch in der glücklichen Lage, dass es auch wirklich Stellen gibt für interreligiösen Dialog oder so etwas wie deine Stelle, die sich um solche Themen kümmert. Bei vielen anderen Religionsgemeinschaften ist das oft Freiwilligenarbeit. Also es gibt keine feste Stelle, dafür kein Budget. Und wenn jetzt Gemeinschaften schrumpfen, merkt ihr dann, dass der interreligiöse Dialog unter Druck kommt? Dass das was ist, was man vielleicht dann weglässt?
00:42:15: Ruven: Auch das gibt es nicht. Eine spezielle Stelle dafür. Es ist der Rabbiner und jetzt der der heutige. Eine der heutige Präsidentinnen ist sehr interessiert darin, oder? Deswegen nimmt sie das auch mit. Unsere Gemeinschaft wird eigentlich nicht kleiner, so dass es in der Mitgliederanzahl nimmt nicht ab. Das ist stationär und ein bisschen wachsend so, Nein, es ist. Das bleibt gleich. Auch das ist sehr, sehr interessiert in dieser, in diesem Dialog und Seit der Gründung. Das ist etwas Neues gehört dazu.
00:42:58: Rita: Ja. Bei uns ist es natürlich einfach. Das ist wie ein Teilbereich, ein Teilbereich meiner Stelle Fachstelle Migration, weltweite Kirche. Da gehört einfach interreligiöser Dialog dazu. Aber ja, du hast recht. Reformierte Landeskirche Graubünden legt Wert darauf, dass man diesen interreligiösen Dialog pflegt. Darum war es ja auch dabei bei der Gründung des Bündner Forums der Religionen. Ich denke, sie tut gut daran, weil die Veranstaltungen, die wir in der Woche der Religion haben, sind eine der bestbesuchten. Wir haben an den Podien meistens vierzig Leute. Beim interreligiösen Zug kommen immer mindestens zwei Gymnasialklassen mit und und und. Das andere Angebot Migrationsspaziergang, das ist ja auch eine Art interreligiöser Dialog, wenn wir Moscheen besuchen und die Gruppen Fragen stellen können. Also da haben wir das ganze Jahr über Anmeldungen und führen das durch. Dieses Interesse ist groß und ich glaube, im Hinblick auf die eigene Religion dann zurückzuspiegeln ist interessant, auch für Jugendliche.
00:44:09: Michèle: Wir haben ja jetzt ganz viel gesprochen von Dialog. Man spricht da gerne von dem Dialog auf Augenhöhe. Würdet ihr sagen, gelingt denn das überhaupt? Also weil viele Religionsgemeinschaften sind eben nicht öffentlich rechtlich anerkannt, das heißt, sie haben viel, viel weniger finanzielle Mittel, personelle Mittel. Sie sind auch zahlenmäßig viel kleiner. Wie begegnet man sich?
00:44:35: Ruven: Oh ja, das ist eine anerkannte Gemeinschaft, nicht auf einer gleichen Titel wie der reformierten Landeskirche, aber immerhin. Aber anerkannt. Sehr klein. Ich denke, vielleicht sogar der kleinste anerkannte Gemeinschaft, die es gibt. Aber was ich sehe bei anderen Gemeinschaften, die, die nicht anerkannt sind, ist, dass die. Der Wille mitzumachen ist größer als die Geldprobleme. Man man, man macht mit so viel man so viel wie möglich tut, einfach. Und das gibt dann auch untereinander Möglichkeiten. Ein bisschen subventionieren, wenn es braucht. Aber es ist die machen, die machen einfach mit.
00:45:20: Rita: Natürlich ist das schwierig. Und die Religionsgemeinschaften sind sich dessen auch bewusst, dass sie ja nicht anerkannt sind. Und ich finde vor allem muslimische Gemeinschaften, die wir hier in Graubünden haben, die seit vierzig fünfzig Jahren schon Moscheen haben und hier Kinder haben, die hier geboren sind, die sollte man anerkennen können. Also es gibt ja diese Form der kleinen Anerkennung, die ja in Zürich auch gewisse Gemeinschaften haben. So etwas müsste es in Graubünden auch geben. Was es jetzt schon gibt, und das ist auch ein Schritt in Richtung Augenhöhe. Es gibt jetzt ein Grabfeld, ein muslimisches Grabfeld in Chur auf dem Friedhof. Jetzt hat die Bündner Landeskirche gerade in unserer Kommission Weltweite Kirche einen eritreisch orthodoxen jungen Mann gewählt. Also das ist auch so ein Zeichen. Wir sind eine interreligiöse Gruppe, also eine Kommission, weltweite Kirche. Und wir wollen da nicht nur reden über interreligiöse oder interkonfessionelle Religionen, sondern wir machen das mit auch. Wir laden Teilnehmende ein aus anderen Religionsgemeinden. Das ist ein Novum und das freut mich extrem, dass das jetzt das erste Mal ist, dass ein Angehöriger aus der griechisch orthodoxen Gemeinschaft in dieser Kommission ist. Also da gibt es schon Bemühungen, auch auf Augenhöhe zu kommunizieren. Wo man aber schon auf Augenhöhe kommuniziert, ist schon im Verein Bündner Forum der Religionen. Also da hat auch die Stadt Chur oder haben hat das Amt für Migration zum Beispiel einen Partner, wenn es um unterschiedliche Auffassungen gibt. Ganz konkret Wenn eine jüdische Gemeinde in Davos in den Ferien ist und vergisst, eine Arbeitsbewilligung für den Koch zu organisieren, dann kann man da das Forum der Religionen ansprechen und wir vermitteln dann. Da ist durchaus auf Augenhöhe ein Kontakt, aber das ist halt dann mit Religion nichts zu tun. Das ist dann mehr institutionell, gesellschaftlich.
00:47:30: Michèle: Also seid ihr insofern schon auch von den Foren oft ein Ansprechpartner für Zivilgesellschaft, für Behörden, für Politik.
00:47:39: Rita: Ja, also wir wurden auch schon angefragt für Weiterbildungen im Pflegebereich, ob wir da vermitteln könnten und so? Also es ist schon ein nützlicher Verein, auch für die Zivilgesellschaft. Auf jeden Fall.
00:47:52: Ruven: Das Forum der Religionen in Zürich hat auch Stadt Zürich und Kanton am Tisch sind vertreten, weil wir Mitglied des Forums sind, aber wir auch einfacher Zugang zum Minister, der verantwortlich ist für Religionsgemeinschaften. Das ist der Frau Fehr, das macht das Leben auch einfacher, sage ich. Erzählt habe über diese Schule in Zürich. Das ist so ein Mechanismus, als dieser vor gibt. Das kennt man, das weiss man, man weiss davon und man benutzt es auch wenn es Probleme gibt oder oder oder oder nicht. Probleme aber, wenn man es brauchen möchte.
00:48:33: Rita: Da beneiden wir natürlich die Kantone, die Kantone wie Bern, Zürich oder Schaffhausen. Die kantonale Fachstellen haben sogar auf den, also auf behördlicher Seite für kirchliche und religiöse Anliegen. Das wäre auch ein Ziel, an das man vielleicht mal in Graubünden so etwas machen könnte. Das sind konkrete Schritte in Richtung Augenhöhe.
00:48:58: Michèle: Ja, dann sage ich Danke für das Gespräch. Da hatte ich heute wirklich eine große Gelegenheit, auch was zu lernen. Merci vielmals. Euch beiden.
00:49:05: Rita: Danke dir.
00:49:06: Ruven: Ja. Herzlicher Dank für die Airline.
00:49:09: Michèle: Das heutige Abschlusszitat stammt von Valerie Rhein. Aus dem Text Sich begegnen und zuhören.
00:49:15: Stationvoice: Lichtreflex.
00:49:18: Michèle: Es gibt immer weniger Orte, wo sich ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Ansichten begegnen und miteinander ins Gespräch kommen können. Der interreligiöse Dialog ist ein solcher Raum. Neugier und Interesse am Gegenüber sowie Respekt und eine Offenheit zum Teilen der eigenen Traditionen bildet hier den Rahmen für Begegnung und Horizonterweiterung. Zuhören und sich begegnen, Daran führt kein Weg vorbei. Für ein friedliches Zusammenleben müssen wir Menschen gesellschaftliche Normen gemeinsam aushandeln. Wir müssen uns nicht in allem einig sein, aber wir müssen einander zuhören oder uns zumindest auf Begegnungen mit der oder dem anderen einlassen. Liebe Hörerinnen und Hörer, merci fürs Dabeisein und Mitdenken. Das nächste Mal habe ich hier zu Gast den Berner Pfarrer Martin Verrazzini. Er ist auf Social Media bekannt als Fahrradzini und berichtete dort in den letzten Monaten von seinem Auslandsaufenthalt in den USA. Jetzt ist er zurück und kann uns sagen, was die Schweiz sich denn aus den USA abgucken könnte oder auch nicht. Außerdem schlägt sein Herz für Improtheater. Was das mit Kirche zu tun hat, berichtet er uns dann. Also abonniert Reflex Auf der Podcastplattform eurer Wahl und auf Facebook und Instagram findet ihr die neuesten Posts. Es wie immer bleibt reflektiert bei.
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