Für die Ankommenden

Shownotes

Zwischen Hoffnung und Ablehnung: In den Asylzentren des Bundes bietet die interreligiöse Seelsorge ein offenes Ohr und heisst Menschen vorurteilsfrei willkommen. Die reformierten Seelsorger:innen Beatrice Teuscher und Patric Reusser-Gerber erzählen in dieser Episode von ihren Erfahrungen mit Fluchtgeschichten, Schicksalen und Aufbrüchen. Sie nehmen uns mit in ihren Alltag in den Asylzentren und reflektieren zusammen mit dem EKS-Beauftragten für Migration, David Zaugg, die Rolle der Kirche und wie die Zivilgesellschaft etwas für Aslysuchende tun kann.

Reflex#2 Menschen schützen, nicht Grenzen (Episode mit David Zaugg)

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00:00:00: Speaker 1: Reflex Dein Podcast zur Kirche und Gesellschaft. Themen, die dich bewegen. Wir diskutieren sie. Ein Podcast der evangelisch reformierten Kirche Schweiz.

00:00:12: Speaker 2: Hallo zusammen, ihr hörtreflex euren Podcast für evangelisch reformierten Content. Unsere Grüße gehen heute raus an alle, die uns in Übersee zuhören. Im dritten Buch Mose steht Wenn ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst. Denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, dein Gott. Also ganz ehrlich, bekommt ihr das immer hin, jedem so vorurteilslos und offen zu begegnen im Alltag? Also da fallen mir meist so schnell doch die Unterschiede auf. Wenn jemand gebrochen Deutsch spricht oder ganz andere Kleidung trägt, ohne es zu wollen, denke ich dann in der Kategorie von einheimisch und fremd. Und wie muss das für Menschen sein, die alles gegeben haben, um hierher in die Schweiz zu kommen? Sie mussten ihre Heimat und ihr Leben hinter sich lassen und haben hier einen Antrag auf Asyl gestellt. Und dann warten. Leere Unsicherheit. Genau an diesem Ort muss Kirche sein. Das finden jedenfalls meine heutigen Gäste. Denn sie sind Seelsorgerinnen und Seelsorger im Bundesasylzentrum. Beatrice Teuscher ist erfahrene Seelsorgerin in den Asylzentren in Bern und Thun. Sie ist ausserdem Pfarrerin für die Markthändlerin und Zirkusleute. Sie ist Vorstandsmitglied der feministischen Organisation Frida, und damit ist die Friedensarbeit ihr ein Herzensanliegen. Und Pfarrer Patric Reusser-Gerber ist Seelsorger an zwei Orten. Er ist Gefängnispfarrer und er kümmert sich um die Seelsorge im Bundesasylzentrum. Kugler Die Seelsorge in den Asylzentren gehört organisatorisch bei der EKS zum Bereich Migration. Und den verantwortet. David Zaugg Ihr kennt ihn schon aus Episode zwei. Er wird heute im Podcast erzählen, welche Rolle die Ex in der Asylseelsorge spielt. Ja, herzlich willkommen euch alle zusammen. Hallo! Heute sind wir ein Quartett. Ganz schön voll hier im Studio. Ja, ich möchte erst ein bisschen mich mit euch beiden Seelsorgenden unterhalten. Wenn Menschen euch kennenlernen, Was ist denn so? Die erste Frage, die sie immer stellen, wenn ihr sagt Ich arbeite im Asylzentrum.

00:02:24: Speaker 3: Was machst du genau? Was machst du dort? Was läuft? Sie wissen irgendwie gar kaum Bescheid. Dann sind sie oft sehr interessiert.

00:02:33: Speaker 4: Oft haben sie auch. Das ist ja krass. Oh, wirklich? Das ist bestimmt sehr schwierig.

00:02:38: Speaker 2: Also, man hat da schon ein Bild. Und wir Normalos sag ich jetzt mal, wir haben jetzt keinen Zugang zu den Zentren. Und ich denke, das ist, wo man dann oft irritiert ist und sagt ja, ist ja wie eine fremde Welt.

00:02:49: Speaker 3: Ja und nein. Andererseits hat man einige Bilder von der Politik oder irgendwelchen Diskursen und man malt sich ein Bild und möchte dann anhand mit den Gesprächen. Also mir geht es wenigstens so, dass dann Leute eine Bestätigung suchen mit ihrem Bild, das sie eben haben oder zum Teil und das ist dann schon auch offen sind für ein neues Bild zu kreieren. Und dann kann ich dir von den Erfahrungen und von den Menschen erzählen, denen ich begegne.

00:03:15: Speaker 2: Wie seid ihr beide eigentlich Seelsorgende im Asylbereich geworden? Wie kam es dazu?

00:03:21: Speaker 4: Also ich habe schon als Studentin in einem Durchgangszentrum gearbeitet, habe auch minderjährige Asylsuchende begleitet. Und ich muss wirklich sagen, mich hat das Thema eigentlich von da an gar nicht mehr richtig losgelassen. Auch in der Kirchgemeinde habe ich immer mal wieder mit Asylsuchenden oder Flüchtlingen zu tun gehabt. Irgendwie scheint das etwas zu sein, was mich fasziniert, anspricht oder was mir auch viel Sinn gibt.

00:03:49: Speaker 3: Bei mir war einfach die Stelle ausgeschrieben Ich Ich liebe Neues. Ich Liebe entdecken. Ich Ich kannte das Asylwesen sehr schlecht und hatte auch meine Bilder und wollte diese unbedingt korrigieren. Ist das falsche Wort, Aber mal schauen, wie es dort arbeitet und wie es ist. Und es ist eine Realität, die lebt und wir hören davon. Wir lesen und dann mittendrin sein zu dürfen, ist schon ein wahnsinniges Privileg. Also ich fühle mich so privilegiert, dort arbeiten zu dürfen, obwohl es natürlich nicht immer einfach ist. Aber Macht macht auch Spass und Freude.

00:04:24: Speaker 2: Bevor wir weitersprechen, möchte ich noch ein paar Zahlen euch mitgeben. Reflector Die Asylverfahren in der Schweiz werden in sechs Asylregionen durchgeführt. Jede Region verfügt über einen Bundesasylzentrum mit Verfahrensfunktion und mehrere Bundes asylzentren ohne Verfahrensfunktion. Es gibt dreizehn Standorte in der Schweiz verteilt. Dazu kommen noch temporäre Standorte. Das grösste Asylzentrum in Boudry bietet vier hundert achtzig Plätze, das kleinste am Flughafen Genf 30. neunzehn Standorte sind temporär. Wenn ich mich auf unserer Liste nicht verzählt habe, David, dann gibt es national fünf und fünfzig Asylsuchende, und sie kommen aus der reformierten und der katholischen Kirche. Und es gibt muslimische Seelsorgende und einen jüdischen Vertreter. Die Asylseelsorge gibt es seit den neunziger Jahren. Sie beruht auf dem Grundgedanken der biblischen Tradition, der Gastfreundschaft, der Anteilnahme am Leben und am Glauben des Gegenübers und auf den Grundrechten wie Menschenwürde und Rechtsgleichheit. Ich habe den schönen Ausdruck gefunden Asylseelsorge leistet Erste Hilfe für die Seele. Würdet ihr dieser Aussage zustimmen?

00:05:37: Speaker 4: Jein. Es kann schon sein, dass man manchmal in eine Notsituation direkt hineingerät, wo man von Erster Hilfe sprechen kann. Aber grundsätzlich denke ich, ist Seelsorge wirklich ein viel breiteres Begleitangebot. Das dass Menschen in fast allen Lebenslagen eigentlich begleiten kann. Und das muss überhaupt nicht immer dramatisch sein. Die Seelsorge bietet einen Raum, um über sich selber nachdenken zu können, sei es über Schwierigkeiten oder auch über die Zukunft oder über Dinge, die einem einfach beschäftigen. Und Erste Hilfe klingt. Auch so ein bisschen Ich mach mal was und lass dich dann. Wir versuchen in der Seelsorge sehr an Beziehungen zu arbeiten und das kann dann auch weit, weit, weit über die Erste Hilfe hinausgehen und auch sogar in manchen Fällen über die Begleitung innerhalb des Bundesasylzentrums. Ich habe gerade vor zehn Minuten einen Anruf bekommen von einer Frau, die vor fünf Jahren im Bundesasylzentrum war.

00:06:33: Speaker 2: Das ist spannend. Also du darfst in Kontakt bleiben mit diesen Menschen.

00:06:37: Speaker 4: Es gibt einfach Fälle, wo sich das aufdrängt. Das Asylwesen ist so, dass die Leute im Asylzentrum bleiben. Und wenn der Asylprozess vorbei ist, dann werden sie aus dem Asylzentrum wieder hinausgeschickt. Und für uns ist manchmal die Begleitung da nicht vorbei. Diese Freiheit nehmen wir uns. Oder nehme ich mir jedenfalls, dass ich in manchen Fällen den Leuten immer noch nahe stehe und mich zur Verfügung stelle, wenn sie etwas brauchen an Begleitung?

00:07:04: Speaker 3: Ja, ich habe auch sehr gerungen mit diesem Begriff. Erste Hilfe auf der Hinfahrt auf dem Scooter. Ich. Ich wurde irgendwie nicht klar mit diesem Begriff, weil für mich mit den Buben ist das oft ein Pflaster oder etwas, das man kurz den Koffer öffnet und dann macht man was, dass das Gröbste erledigt ist. Und ich sehe das ähnlich wie Beatrice, auch nicht so bei uns. Also einerseits sind wir schon da und man kann für die Erste Hilfe in Anführungszeichen zu uns kommen und wir sind verfügbar und da, aber andererseits gehen wir oft viel weiter. Es geht. Es entsteht was, was andauern darf und zum Teil auch soll. Nicht immer müssen wir immer wieder loslassen, aber es darf auch länger anstehen als Erste Hilfe. Ich würde uns nicht nur auf das Beschränken.

00:07:52: Speaker 2: Und die Aufgabe der Seelsorge ist es ja auch, angenommene und aber auch abgewiesene willkommen zu heißen und eben in dem Zentrum zu begleiten. Aber wie heißt man denn jemanden willkommen, wenn teilweise es unsicher ist, ob er bleiben darf?

00:08:07: Speaker 4: Also da muss man glaube ich schon groß unterscheiden. Also wir haben als Seelsorger natürlich einen ganz anderen Auftrag als das Staatssekretariat für Migration. Wir sind ja nicht da, um zu urteilen, ob jetzt jemand bleiben darf oder nicht. Diese Frage darf nicht im Vordergrund stehen. Im Vordergrund steht der Mensch mit seinen Bedürfnissen und mit dem, was er an uns heranträgt. Willkommen. Heißen wir eigentlich wirklich alle Menschen, so gut wir können? Natürlich. Das ist aber einfach das Willkommenheißen auf der Beziehungsebene von Mensch zu Mensch. Es ist ein Willkommenheißen von all seinen Dingen, die er an uns heranträgt. Also seien es Probleme, seien seine Freuden, seien seine Ängste, seien seine Hoffnungen und das Verfahren und das Abweisen oder das Annehmen. Das ist Sache des Staatssekretariats.

00:08:59: Speaker 3: Und leben im Hier und Jetzt. Das Willkommenheißen für ein Gespräch oder ein Austausch oder ein Stillesein oder einfach ein Aushalten gemeinsam im Hier und Jetzt. Doch, das können wir. Wir. Wir sind einfach da und lassen uns mit dem Gegenüber eintreten in einen Moment des gemeinsamen Sein und Aushalten von Herzen, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Obwohl, für das Gegenüber ist das. Natürlich spielt das schon mit ganz viel. Aber ich glaube und ich erlebe es auch, dass das Gegenüber sich auch einlässt und merkt, das kann das Schöne sein in einem Moment, um etwas zu erleben, das vielleicht sonst nicht da wäre, wenn wir nicht da wären oder wenn die Möglichkeit nicht geschaffen wurde.

00:09:41: Speaker 4: Man muss vielleicht auch sagen, dass diese Leute auf der Flucht sehr, sehr oft abgewiesen wurden. Bereits schon. Also die haben wirklich ganz, ganz üble Geschichten hinter sich. Die meisten. Und sie haben fast nur Abweisung erlebt und existenzielle Not. Und es ist umso wichtiger, dass das Willkommen heißen. Einfach ohne Ja und Aber von uns aus ausströmen darf oder oder spürbar wird für die Menschen. Weil irgendwo muss jeder Mensch einfach einmal spüren können Hey, es ist okay, dass ich da bin.

00:10:17: Speaker 3: Und ich gehe noch weiter. Ich arbeite bei uns In der Guglera ist ein Ausschaffungszentrum und da wurden sie sogar in der Schweiz auch mehrmals abgelehnt. Und sie kommen mit einem negativen Bescheid oder mit der grossen Möglichkeit, dass sie ausgeschlossen werden. Und das ist auch noch nicht nur die Flucht und alles, sondern auch in der Schweiz diese Ablehnung erlebt zu haben. Und dann ist es umso wichtiger, wie du gesagt hast, dass wir eben sie willkommen heissen und ganz uneingeschränkt und herzlich.

00:10:46: Speaker 2: Ich glaube, ihr müsst uns mal kurz mitnehmen durch so eine Tür vom Bundesasylzentrum. Was ist denn da eigentlich für eine Stimmung? Ich kann mir das gar nicht so richtig vorstellen. Wie sieht es da aus?

00:10:57: Speaker 3: Bei uns nicht immer toll. Es gibt Schlägereien, es gibt Konflikte zwischen Ethnien und Gruppierungen. Es sind Leute, die wirklich mit dieser Unsicherheit leben, dass sie irgendwann. Irgendwo kann die Polizei auftreten und sie während der Arbeit mittendrin im Alltag im Asylzentrum mitnehmen. Und dann müssen sie, wenn sie ausgeschlafen. Es gibt Momente, die sind schön. Wir haben Kinder und Familien, das ist ganz toll. Die springen herum, die schreien, die singen. Das tut gut. Aber wenn man ins Zentrum kommt, da ist die Caritas. Da warten einige. Die möchten Rechtsentscheide noch mit der Caritas anschauen. Was ist noch möglich für den Rekurs? Bei uns in der Guglera Das darf ich hier wohl ohne irgendwelche Kritik sagen. Es sind wirklich Stacheldrahtzäune um das Zentrum. Ein Flüchtling sagte mir neulich es ist. Und es hat sich wiederholt. Das ist wie ein Gefängnis. Es sind schon ziemlich starke Regelungen. Es ist viel vorgegeben. Es wird viel entschieden für Sie. Ja, es ist nicht nur angenehm. Die Stimmung ist zum Teil schon angespannt, Aber das ist, weil wir ein Ausschaffungszentrum sind. Ich weiß nicht, wie es dir geht, Beatrice.

00:12:20: Speaker 4: Natürlich ist das ein Riesenstress für die Leute, wenn sie wissen, dass sie gehen müssen. Da habe ich vielleicht im Bundesasylzentrum Bern ein bisschen eine andere Situation, weil die Leute noch hoffen dürfen, dass sie wirklich einen positiven Asylentscheid bekommen oder zumindest Schutzstatus bekommen. Ich erlebe eigentlich jetzt wenig so starke Konflikte bei uns. Wirklich sehr wenig eigentlich. Wir haben aber auch immer Familien, weil wir auch eine Schule bei uns haben. Wir haben auch von unserer Infrastruktur her eigentlich relativ viele Dinge, wo sich die Leute beschäftigen können. Sie können bei uns arbeiten, es gibt einen Frauenraum, es gibt. Es gibt für die Kinder mehrere Orte, wo sie spielen können. Man kann Sport machen und trotzdem will ich es nicht beschönigen. Ein Asylzentrum ist ein Asylzentrum in einem alten Spital, das wirklich langsam baufällig ist. Es ist nicht schön, wie wenn ich hier jetzt hinkomme und schöne Parkettböden sind und alles weiss gestrichen. Es sieht äusserlich wirklich nicht schön aus. Und trotzdem denke ich gerade der Mix der Leute, das eben auch Kinder dabei sind, das Jugendliche dabei sind, dass auch ältere Leute dabei sind, gibt so ein Gefüge das, dass man sich schon auch ein bisschen wohlfühlen kann. Man kann sich auch ein bisschen zurückziehen, weil es nicht irgendwie eine Turnhalle ist, in der ein hundert, zwei hundert Leute schlafen wie in Thun, sondern es gibt im Zimmer die Möglichkeit, sich ein bisschen zurückzuziehen. Aber das Leben ist schwer in einem Asylzentrum. Die Türen sind nicht einfach offen, jederzeit. Man kann nicht immer rausgehen und reingehen, wenn man will. Man wird immer auch gefilzt. Also die Security, die tastet einem ab. Das ist unangenehm. Auch wenn man nur für fünf Minuten Zigaretten kaufen will, muss man wieder reinkommen, sich wieder abtasten lassen. Es gibt viele Dinge, die nicht normal sind. Also es ist nicht ein normales Leben in einem Asylzentrum und vieles ist erschwerend. Und trotzdem gibt es Leute, die sagen es ist hier wie im Paradies, wir kriegen alles gratis, wir können dreimal essen, wir können Sphäre haben, wir können schlafen. Und andere sagen mir auch es ist schlimmer als im Gefängnis. Es gibt das ganze Spektrum.

00:14:27: Speaker 2: Und hast du dort ein kleines Büro und die Leute kommen zur Tür rein? Oder gehst du zu den Leuten, wie es dort Dein Tagesablauf.

00:14:35: Speaker 4: Also beides. Ich habe Gott sei Dank kein Büro. Das ist auch ein Privileg. Das haben nicht alle Asylseelsorger des Bundes in den Bundes Asylzentren. Es ist ein großes Privileg, weil ich mit den Menschen, die mich wirklich brauchen. Ich kann mich dort zurückziehen. Es ist ein mehr oder weniger schalldichter Raum. Was wir dort besprechen, hört niemand anderes. Wir versuchen, eine schöne Atmosphäre dort zu kreieren, mit gemütlichen Stühlen, mit Pflanzen. Das ist sicher ein bisschen absetzt von den Schlafräumen und den anderen Räumen und gleichzeitig gehe ich aber auch auf die Leute zu. Am Morgen gehe ich oft durch den Frühstücksraum und zeige mich. Grüße die Leute, damit sie sehen ich bin da. Man, man, man kann mich ansprechen. Manchmal ergibt sich ein Gespräch, gerade beim Frühstück, manchmal später. Ich gehe dann auch oft zur Pflege und frage, ob es jemanden gibt, der vielleicht Begleitung möchte. Und manchmal bin ich auch draußen, wenn es schönes Wetter ist. Manchmal. Kürzlich habe ich mit Kindern gespielt im Hof. Ich bewege mich sehr frei im ganzen Asylzentrum.

00:15:39: Speaker 2: Wie geht das? Patric?

00:15:41: Speaker 3: Ähnlich? Ja, Wenn ich ankomme, dann mache ich den Durchgang. Ich schaue im Gebetsraum nach. Ich schaue überall ein bisschen, probiere, versuche alle Etagen und Gänge und Orte einfach, mich zu zeigen, damit die Leute auch wissen, ich bin da. Und dann, je nachdem, bleibe ich ein bisschen im Büro. Wir haben auch ein ganz tolles Büro, wo meine meine katholische Kollegin ganz hübsch eingerichtet und auch jetzt auch unterhält. Ein bisschen. Und da hat das Kanapee, da hat es für die Kinder Büchlein und Malmaterial und Spielsachen. Ein toller Ort, um Leute zu empfangen und mit ihnen auch gemeinsam auszutauschen oder einfach zu sein. Was ich noch von meinem Vorgänger übernommen habe, sind Spaziergänge. Regelmässig gehe ich mit Leuten raus draussen, weil wir haben eine ganz schöne Umgebung im Wald, auch mit kleinen Kirchen. Ganz toll. Es gab ein Buch, Kapelle, eine kleine Kapelle und das tut ihnen oft gut, dorthin zu laufen. Dann sprechen wir unterwegs und dort eine Kerze für die Familie oder für sich selbst oder für andere anzuzünden oder einfach zu sein. Und die Natur hilft auch die Umgebung und das Rausgehen und die frische Luft und macht viel Spass, auch mit Ihnen etwas aktiv unternehmen zu dürfen.

00:16:59: Speaker 2: Ist das dann so, dass die Leute dich wirklich oft nach etwas zum Thema Religion fragen oder spricht man über alles andere?

00:17:07: Speaker 3: Sie wissen, wir sind Seelsorger. Also wenn das Bedürfnis da ist, von ihnen über Religion, über Glauben zu sprechen, dann dann machen sie das. Aber es führe sie nicht unbedingt dorthin. Ich höre zu, schaue, was was ist momentan? Was bewegt die Leute? Was ist aktuell? Können über theoretisch über Fußball sprechen. Wir können über ganz vieles, wo wir irgendwelche Punkte, Anknüpfungspunkte sind, wo entstehen kann. Und das muss in keinem Fall Religion sein. Aber natürlich freue ich mich. Ich bin sehr bereit, gerne über Religion zu sprechen. Aber es muss gar nicht sein. Keine Bedingung. Wir empfangen auch verschieden gläubige Menschen und dürfen auch ab und zu. Gegenüber dem ORS oder dem SEM sind wir Ansprechsperson zu Religionsfragen, auch andere Religionen. Und das ist auch spannend. Also es wird beschränkt uns nicht nur auf unsere Religion, sondern wir sind auch Ansprechsperson für die Mitwirkenden im BAZ.

00:18:05: Speaker 2: Also eine gewisse Korankenntnis ist wahrscheinlich erforderlich.

00:18:09: Speaker 3: Ja, sollte da sein. Genau. Aber nicht nur der Koran. Ja, das sind zwar meist Muslime, es braucht auch andere Kenntnisse. Jetzt gerade ist das orthodoxe Fasten war bei uns sehr aktuell und man hat sich zu wenig Platz oder Dinge geschaffen, um diese Leute zu begleiten. Da kam es zu Spannungen und es war wichtig, dass sich da irgendwie eine Brückenfunktion schuf zum orthodoxen Fasten und zu den orthodox Gläubigen gegenüber dem Sämunddemars. Und das ist spannend.

00:18:41: Speaker 2: Also müssen noch ganz kurz auflösen, was das ORS ist.

00:18:44: Speaker 5: Es ist ein Leistungserbringer vom SEM, das heißt dem Staatssekretariat für Migration. Und die sind eigentlich zuständig für die Sicherstellung der Betreuung in den Zentren. Das heißt, sie machen eigentlich alles in den Zentren, wo das SEM nicht direkt zuständig ist, die Sicherheit nicht direkt zuständig ist oder auch die Medizin nicht zuständig ist für den ganzen Rest. Sind sie eigentlich die Organisatoren für das Alltägliche, oder wenn ich das so richtig zusammenfasse und sie haben eigentlich einen Auftrag vom SEM zusammen, auch noch mit anderen Organisationen, die es gibt in der Schweiz. Aber es sind wahrscheinlich die grössten und in den meisten Zentren eben für diese Betreuungsfunktion zuständig, also sehr umfassend. Das sind sehr wichtige Akteure in den Zentren, die sehr entscheidend dafür sind, auch, wie das Zusammenleben sich gestaltet, also wie die Seelsorge auch einbezogen werden kann und mit anderen Akteuren zusammen funktioniert.

00:19:36: Speaker 2: Ja, ich höre viel. Organisatorische Arbeit ist auch dabei. Aber Beatrice darf noch natürlich reagieren. Wie ist das bei dir? Über was reden die Menschen? Auch viel über Religion, über Jesus, über Gott oder über alles andere?

00:19:51: Speaker 4: Ich glaube, vor allem über alles andere. Oft sind es existenzielle Fragen. Wenn Sie zu mir ins Büro kommen und wirklich ein Gespräch gewünscht haben, dann sind es wirklich sehr ernsthafte Themen. Und es kann schon sein, dass Religion dann reinspielt im Sinne von Das ist das, was mir noch Hoffnung gibt. Oder als ich auf dem Meer war, war es einzig Gott, der mich am Leben erhalten hat. Das kommt aber jetzt nicht in dem Sinn, dass wir gross über Religion sprechen würden. Also jetzt in einem akademischen Sinn. Das kommt auch vor, aber es ist eher selten der Fall. Ich finde es schön, was du gesagt hast. Ja, ich. Ich bin manchmal mit den vielen verschiedenen Schattierungen, Konfessionen und Denominationen wirklich immer Immerhin trainiere. Ich versuche mich wirklich immer ein bisschen auch zu schulen zu lernen und ich lerne immer wieder Neues von den Asylsuchenden selber, wie man, wie man welche Religion lebt oder wie man eine bestimmte Konfession, Tradition, wie man sich kennengelernt hat. Und ich bin permanentem Lernen und immer hinterher. Aber es ist schön. Ich lese auch immer mal wieder ein bisschen Koran. Ich, ich ich versuche auch Arabisch zu lernen und sogar original Koran zu lesen. Und trotzdem ich ich. Es ist immer wieder ein Bahnhoferlebnis, also im Sinne von ich bin immer eigentlich wieder ein bisschen am Nullpunkt.

00:21:12: Speaker 2: Beatrice Ich habe eine alte Präsentation von dir gefunden und dort hast du mal geschrieben. Im Bundesasylzentrum werden die Lebensgeschichten der Menschen detailliert untersucht, bewertet und oft ignoriert. Was hast du damit gemeint?

00:21:27: Speaker 4: Es ist jetzt ein bisschen schwierig, vielleicht aus dem Kontext zu reißen, der Präsentation, aber ich glaube, mir ging es darum, dass wir als Seelsorgende einfach nicht urteilen sollen und nicht urteilen müssen. Und ich glaube, diese Haltung eben auch des Nichtwissens und des immer wieder neu lernens und immer wieder interessiert seins für das, was kommt ohne Vorurteile. Das ist extrem wichtig, wenn man auf der anderen Seite arbeitet. Beim Staatssekretariat für Migration ist man ja gezwungen, die Menschen zu beurteilen. Also das ist Teil des ganzen Asylprozesses. Man muss die wirklich durchleuchten. Erfüllen Sie die Flüchtlingseigenschaft oder nicht? An was erkenne ich das an was nicht? Und und da wird gefragt auf eine ganz spezifische Art und ich glaube, wir unterscheiden uns wirklich fundamental von so einer Frage Haltung.

00:22:19: Speaker 2: Wie geht dir das? Gelingt dir das immer so vorurteilsfrei zu sein? Also wir sind ja alle nur Menschen.

00:22:25: Speaker 3: Genau deshalb antworte ich Nein, nein, ich. Ich versuche das und arbeite daran. Und ich versuche auch. Übrigens, bevor dass ich mit Arbeiten beginne vor Ort mir einen kurzen Moment selbst zu einfach mich vorzubereiten auf was kommt. Dass ich auch eine gute Haltung habe. Eben bereit bin zu empfangen, was kommt und nicht zu urteilen. Vielleicht ist es mein Selbstanspruch oder mein Anspruch, den ich an mich selbst habe, auch als Seelsorger, dass ich eben das immer wieder neu überprüfe und mich auch am besten verifizieren, dass das auch klappt. Ich finde das extrem wichtig. Ja, ich sehe das auch als Kernaufgabe von uns nebst dem Berufsgeheimnis und dass wir eine gewisse Neutralität Offenheit bringen und verfügbar sind. Sobald man beginnt, Vorurteile zu haben oder sich Bilder zu stark zu zu malen, dann ist man weniger verfügbar und empfängt nicht mehr. Da ist dann eine Gefahr dabei, dass man den anderen nicht mehr ganzheitlich wahrnimmt.

00:23:32: Speaker 4: Ich bin sehr froh, dass ich auf deine Ehrlichkeit. Also ich. Ich habe jetzt so gesprochen, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Nein, ich finde es auch immer wieder total schwierig und die Vorurteile kommen einfach, ob man will oder nicht und und es ist wirklich ein steter Kampf, irgendwie gegen sie vorzugehen. Und es gibt auch Tage, da gelingt es mir nicht. Da denke ich Ah ja, das ist jetzt, jetzt kommt das wieder und so und darum ist es sicher sehr klug, sich einen Moment zu nehmen und sich zu sagen So, jetzt habe ich eine ganz spezifische Rolle und meine Gefühle sollten jetzt nicht irgendwie einfach durchgehen können, wo sie wollen. Ich glaube, wir sind alles kleine Rassisten und Rassistinnen auf irgendeine Weise. Das steckt in uns und und es ist wirklich, man muss das aktiv bekämpfen und das ist nicht immer einfach.

00:24:17: Speaker 2: Und die Kehrseite der Medaille ist ja auch, dass ihr zwei sagt eben, ich mache mich verfügbar, ich bin empathisch. Und ich kann mir vorstellen, dass manchmal, wenn man aus diesem Gebäude wieder rausgeht, man aber die Geschichten und die Gefühle doch mitnimmt, oder? Man ist irgendwie noch dort. Oder mit dem Kopf, Dem Herzen.

00:24:36: Speaker 3: Ja, ich bin. Ich bin da sehr unprofessionell. Ja, es ist so und ich muss es eingestehen Ich unterrichte noch an Sekundarschulen. Das ist dann so ein guter Kontrast und das tut mir so gut. Dann mit Jugendlichen diese durch das Leben zu begleiten, mit ihren Fragen ganz anderer Weise. Aber ich nehme die Geschichten auch mit. Von den Asylzentren und bringe die natürlich anonym und ohne irgendwelche Verletzung des Berufsgeheimnisses. Bringe diese auch wieder zurück in die Schule und in unseren Alltag. Auch zu Hause. Es gibt mal das Ich erzähle, weil das Bedürfnis doch da ist, was ich erlebt habe. Aber auch um meinen Kindern dieses riesige Privileg, das ich habe, auch, dass sie es miterleben dürfen, dass sie teilhaben dürfen. Auch meine Frau, also ich bin ja der, der am meisten gewinnt an dieser Arbeit. Das bin ich mir voll bewusst, dass ich so viel lerne von diesen Asylsuchenden und dass ich oft mittendrin bin in ihrer Flucht. Hoffen und Bangen um Asyl, um um ihre Zukunft. Und das will ich auch ein bisschen. Also ich. Ich nehme das oft mit, ja. Also darf ein gewisses mich auch beschäftigen und mitnehmen.

00:25:53: Speaker 4: Ja, also ich denke, mir geht es ähnlich. Es ist vielleicht schon so, dass ich eigentlich glaube, dass ich gut abschalten kann. Je länger ich vielleicht jetzt diese Arbeit auch mache, desto besser kann ich es steuern. Was will ich jetzt nach Hause nehmen? Weil ich wirklich finde, hier muss noch ein bisschen nachgedacht und nachgefüllt werden. Da war irgendwas. Andere Dinge, wo ich mir sage, das ist dann morgen früh früh genug, um mich damit zu beschäftigen. Auf der anderen Seite finde ich es eben auch sehr wichtig, was du gesagt hast. Patrick Die Geschichten, die müssen auch gehört werden und und ja, auch unsere Kinder sollen die hören, dass die Welt glänzt. Nicht überall, und man darf auch wissen, wo sie brüchig ist und wo es schwierig ist und wie Menschen kämpfen müssen, damit sie das Minimalste von dem, was wir haben, überhaupt erreichen können. Ich bin sehr froh darum, dass wir verschiedene Gefässe haben, wo wir das auch offiziell teilen können. Und eines davon ist sicher eben auch die Ex, also die Evangelische Kirche Schweiz, die uns die Möglichkeit gibt, dass wir uns austauschen, dass wir Dinge irgendwie auch sei es in politische Gremien weitertragen können oder in andere Gefässe. Die Supervision ist auch ein Ort, wo ich finde, das ist etwas sehr Kostbares, dass wir uns austauschen können und vielleicht nach Strategien suchen können, was man vielleicht auch weitergeben kann. Also sei es an Kirchgemeinden, an Kirchenleitungen, an politischen Vorstößen, die man mit vorbereiten kann, damit man nicht nur individuell mit diesen Geschichten alleine bleibt, sondern dass man sieht Hey, wir sind eine Welt, wir gehören zusammen. Wir sind eine Gemeinschaft, eine Gesellschaft. Und wir haben hier eine Aufgabe.

00:27:30: Speaker 2: Also bei dir schlägt das auch um in Engagement. Höre ich jetzt raus? Ich wäre an eurer Stelle, würde man da nicht so ein bisschen sauer auf seine Mitbürgerinnen und Mitbürger oder diesen Staat und würde denken wieso lehnt er denn diese Menschen ab? Ist man da manchmal so im Konflikt?

00:27:48: Speaker 4: Oh ja. Ja, natürlich. Also manchmal, wenn ich Menschen höre, die wahrscheinlich sehr wenig Kontakt haben mit Asylsuchenden, wie sie über sie sprechen, wie sie über Flüchtlinge sprechen, also eine Masse als ein Block, als eine Gefahr, als als irgendetwas, was man wirklich vor den Türen halten muss. Dann denke ich immer so schade, schade, Habt ihr nicht mehr Kontakt mit diesen Menschen? Ich bin sicher, ihr würdet ganz anders argumentieren, wenn ihr sehen würdet, was sie auch für ein Potenzial haben, was sie mitgebracht haben. Wie wie unglaublich resistent manche Menschen sind und wie willig, sich auch zu integrieren in dieser Gesellschaft, was sie an Fähigkeiten mitbringen würden, wenn man sie denn lassen würde. Also ja, ich bin manchmal sicher sehr wichtig. Bin deshalb auch froh, wenn wenn Kirche auch auf der politischen Ebene immer wieder ganz klar Stellung beziehen und sagen können Hey, wir versuchen Räume zu schaffen, wo man sich begegnet, wo man irgendwie gemeinsam versuchen kann, diese Gesellschaft lebbar zu halten mit all ihren verschiedenen diversen Formen des Lebens.

00:28:55: Speaker 3: Ich lese ganz wenig noch Zeitung oder konsultiere Medien, weil es oft dann für mich schon schwierig ist. Ja, dass einfach, dass einerseits der Diskurs oder gewisse Haltungen, die man wahrnimmt und die auch da sind, andererseits die Realität, die wir erleben, vor Ort. Das schmerzt. Aber andererseits ist es mir auch wichtig, wiederum sei es als Lehrkraft oder als Mitmensch auch Stellung zu nehmen, wenn ich nicht mag und gerade Lust habe, das kurz zu ergänzen, was da gesagt oder gestattet wurde, dann nehme ich mir die Freiheit, auch das ein bisschen in einen anderen Kontext zu stellen.

00:29:39: Speaker 2: Ja, ich denke, es ist Zeit, den David noch mal ein bisschen dazuzuholen. Warum ist denn Asylseelsorger eigentlich ein Thema für die EKS?

00:29:47: Speaker 5: Also bevor ich da anfange mit meinen Abhandlungen, ich fand es sehr bereichernd, euch beiden zuzuhören. Ich bin eher so der Techniker der Seelsorge. Ich bin ja selbst nicht Seelsorger. Ich mache viel organisatorisch für die Seelsorge und ich höre auch viel. Und trotzdem ist es für mich immer sehr bereichernd, so ausführlich oder auch vertieft von euch zu hören. Eben wie so der Alltag ist. Das fand ich jetzt gerade auch für mich sehr hilfreich und auch bereichernd. Aber deine Frage war ja eben, ob sich die Ex damit beschäftigt und die Antwort von der Verfassung hergeben möchte, dann muss man sagen Die Seelsorge ist eigentlich ein Teil des Verkündigungsauftrag der Kirche. Diese Verkündigung, die betrifft nicht nur die Äcker, sondern eigentlich die evangelisch reformierte Kirche auf allen Ebenen. Die Seelsorge als Teil dieses Auftrags betrifft eben auch die Seelsorge in öffentlichen Institutionen. Und weil eben die Seelsorge in den Bundes asylzentren in einem Bereich stattfindet, auf Bundesebene eben ähnlich wie die Seelsorge, ist es auch im Sinne dieser Aufgabenteilung, die die EKS auf nationaler Ebene hat, mit ihren Mitgliedskirchen, dass sie eben sich da um die Seelsorge in den Bundesasylzentren kümmert und sie auch als Ansprechpartnerin, als Repräsentanten der evangelisch reformierten Kirche dann vertritt. So kommt es eigentlich, dass dieses Dossier hier bei der EKS eigentlich seit es diese Seelsorge gibt, immer begleitet wurde über all diese Jahre. Jetzt sozusagen seit einigen Jahren darf ich diese Arbeit übernehmen und die ich eben auch sehr, sehr bereichernd finde und sehr vielseitig finde. Und auch, weil sie wahrscheinlich das einzige Dossier hier ist für mich, das so viel mit. Mit der Praxis zu tun hat und ich wirklich sehr direkt auch irgendwo einen Einblick erhalte. Wie sieht der Alltag aus? Und und. Ein Dossier, das überhaupt nicht abstrakt bleibt, sondern irgendwie sehr, sehr konkret ist.

00:31:46: Speaker 2: Ich habe mich noch gefragt Wie kommt denn die Finanzierung des Ganzen zustande? Also bezahlt das die EKS oder die einzelnen Kirchgemeinden oder Kantonalkirchen? Wie geht denn das?

00:31:57: Speaker 5: Ja, wie vieles in der Schweiz ist kompliziert, oder? Aber ich kann so. Für den Teil auf nationaler Ebene kann ich natürlich gut Auskunft geben. Über die EKS gibt es eine Teilfinanzierung der Seelsorge? Wir haben einen sogenannten solidarischen Lastenausgleich. Kurz nach Beginn dieses Engagements hat man das eingerichtet, weil man eben auch verstanden hat oder dass diese Zentren verschiedenen Orten in der Schweiz sind und nicht überall die Kirchen gleiche Ressourcen haben, um eben auch die Seelsorge aufzubauen dort. Und deswegen hat man schon früh gesagt, ja, wir wollen dort das als gemeinsame Aufgabe verstehen und insofern auch solidarisch finanzieren. Auch heute ist es so, dass die Finanzierung über die Ex eigentlich das Ziel hat, dass man ein Grundengagement finanzieren kann, möglichst überall, wo es Bundesasylzentren gibt. Derzeit ist es so, dass man eine knappe halbe Million pro Jahr auf die verschiedenen Standortkirchen, sagen wir dann also die die Kirchen, die eben ein Bundesasylzentrum auf ihrem Kantonalgebiet haben, den zuteilen eben nach bestimmten Kriterien. Das heisst aber nicht, dass das eben eine vollständige Finanzierung ist. Es kommt dann darauf an, welche finanziellen Ressourcen die verschiedenen Kirchen haben, um das, was sie erhalten, aus diesem Lastenausgleich zu ergänzen. Es ist auch nicht immer eine Frage der Finanzen, teilweise auch eine Frage der Verfügbarkeit von Personen und dann teilweise auch des geografisch gar nicht so einfach. Also gerade bei abgelegeneren Zentren etc. hast du dann manchmal kleinere Panzer und dann teilst du die aber mit mit anderen Aufgaben, die man hat für die Kirche. Dann muss man das vereinbaren können in irgendeiner Form. Also der Rest, sozusagen die Restfinanzierung, die ist sehr unterschiedlich.

00:33:46: Speaker 2: Frage an alle Gibt es genug Asyl Seelsorgende Habt ihr genug Nachwuchs oder wie funktioniert das?

00:33:54: Speaker 4: Also in den Asylzentren habe ich den Überblick nicht. Ich finde jetzt in Bern haben wir fünf Asylzentren zurzeit, eben weil die provisorischen sind auch mit eingerechnet. Manchmal waren wir sogar sechs Zentren. Da ist es manchmal schon ein bisschen schwierig, wenn sich das Pensum dann nicht anpasst. Also weil wir dann eben auch herumfahren müssen und so, und da wäre es manchmal wünschenswert, dass wir eben, wenn andere Zentren aufgehen, auch sehr kurzfristig gehen, die manchmal auf, dass wir da mehr Ressourcen bekommen. Das wäre sicher dienlich, damit man auch an den Standorten bleiben kann, wo man sowieso schon war. Also ich jetzt in Bern, dass ich nicht noch drei andere Orte auch noch gehen muss. Aber ich glaube, der größte Bedarf ist vor allem auch in den Asylstrukturen außerhalb der Bundes asylzentren. Also es gibt unglaublich viel. In jedem Kanton gibt es zig Durchgangszentren und und dort sind die Leute auch immer noch sehr auf sich alleine gestellt und manchmal sind sie auch eben sehr peripher oder nicht nicht in Dörfern, sondern sie haben dort wirklich auch grosse Schwierigkeiten, überhaupt mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen und um Menschen zu kennen, die ihnen gut wollen und sie unterstützen wollen. Also ich denke, dort ist ein großer Bedarf und es gibt Kirchgemeinden, die sind unglaublich aktiv und machen schon ganz, ganz ganz viel von Deutschkursen über Nähkurse oder Exkursionen usw ganz toll und andere halt nicht. Und das sind auch Ressourcenfragen oder Prioritätenfragen. Aber ich denke, dort könnte man wirklich noch viel mehr machen. Weil es ist eine schwierige Phase, wenn man aus dem Bundesasylzentrum kommt und die ersten Schritte in eigenständig machen muss. In irgendeinem Dorf. Vielleicht kommt man aus einer großen Stadt irgendwie in einem dreizehn Millionenstadt und dann kommt man so in ein fünf hundert Seelen Dorf. Und jetzt guck mal, was du da machst. Da ist Begleitung sicher ein guter Rat.

00:35:45: Speaker 5: Das dünkt mich ein wichtiger Hinweis noch, dass es nach dem Bundesasylzentren für viele nicht einfach weitergeht. Sozusagen in den Schritt in die Integration. Oder eben vielleicht ein Herkunftsland zurück oder in einen anderen Drittstaat, sondern dass manchmal die Verfahren eben auch länger dauern und man dort dann in kantonale Strukturen auch kommt und sich je nachdem dort auch länger aufhält. Und auch dort ist es noch sehr unterschiedlich ausgeprägt. Also die Seelsorge, wie sie organisiert ist. Wir haben selber jetzt hier auch nicht einfach einen Überblick. Aber wir wissen, dass an verschiedenen Gemeinden eben dann, je nachdem wie sehr die die Kirchgemeinden vor Ort, die dann ein Engagement entwickeln und das sind dann manchmal lokale Pfarrpersonen oder Sozial Diakone und und andere, die sich da Freiwillige sehr oft, die sich da engagieren. Das ist ein ein Engagement, das extrem wichtig ist.

00:36:37: Speaker 2: Patrick Muss man eigentlich einen Kurs machen, um Asylseelsorger zu werden oder ist man das einfach, wenn man Pfarrer ist?

00:36:43: Speaker 3: Oh, das ist eine gute Frage. Nein, ich bin wirklich falsch am Platz da, um zu antworten. Da müsstest du synodale Synodalräte oder solche guten Menschen fragen, die mich angestellt haben, wieso sie mich angestellt haben. Vielleicht ist es die Lebenserfahrung, Vielleicht ist es nicht unbedingt das akademische Package, wie man so sagt, das man mitbringt, Desto trotz gewisse Ausbildung ist immer und Weiterbildung ist immer gut.

00:37:12: Speaker 4: Ich kann von mir sprechen. Also mir hat Weiterbildung sehr geholfen. Gerade auch, weil es immer wieder schwere Themen gibt. Also wenn ich mit Traumatisierten zu tun habe oder oder mit Menschen, die wirklich sehr, sehr existenzielle Kämpfe hatten im Leben. Da war ich froh, ein bisschen Instrumente in den Händen zu haben, wie ich damit umgehen kann, dass ich auch nicht überwältigt werde von den Gefühlen, dass ich mich wirklich ganz ihnen widmen kann und und mit ihnen den Weg gehen kann und mein eigenes Zeug dort nicht zu zu fest reinkommt. Und ich denke, das Wichtigste ist wirklich einfach, dass man immer wieder lernt. Also ich, ich, ich lerne scheinbar viel und ich glaube, das ist für mich auch das große Privileg an diesem Posten. Es ist aber auch ein bisschen notwendig. Also es ändert sich immer wieder alles, es kommt immer wieder neue Fragen dazu. Es ist, es ist oft auch ein bisschen komplex, ganz allein zu sein. Damit finde ich wirklich nicht gut. Ob das jetzt eine akademische Ausbildung ist oder eher Supervision oder eher Introvision mit Kollegen oder so? Das spielt vielleicht nicht so eine Rolle, aber es braucht irgendetwas. Also da bin ich wirklich sicher.

00:38:19: Speaker 2: Was ist aber national gibt? Genau. David zeigt schon auf. Das sind die Rahmenbedingungen und Leitlinien für die interreligiöse Seelsorge. Die habt ihr zusammen mit dem SEM ausgearbeitet. Was steht denn da drin und warum ist das so wichtig, diese Dokumente zu haben?

00:38:35: Speaker 5: Gut, ich wollte eigentlich als Seelsorger Techniker etwas ergänzen, weil ich glaube, die beiden, die ja hier als auch Pfarrpersonen, die ausgebildet sind, ganz vergessen. Eigentlich ist ihre ganze Ausbildung, die auch Kompetenzen, den Erwerb von wichtigen und entscheidenden Kompetenzen für die Seelsorge auch mit sich bringen. Aber kann ich eigentlich gerade auch zu diesen Grundlagen übergehen? Oder bei den Leitlinien, die es gibt für die Seelsorge? Da werden keine konkreten Vorgaben gemacht, was jetzt der Abschluss oder akademische Abschluss betrifft. Aber es geht um Fähigkeiten und Kompetenzen, die man mitbringen sollte. Und als Seelsorger ist eigentlich wie selbsterklärend, glaube ich, in der eigenen religiösen Tradition beheimatet zu sein, sprachfähig zu sein, reflektiert zu sein, zu einem gewissen Grad auch eine bestimmte Kompetenz zu haben, vielleicht mit religiös praktischen Themen umzugehen. Ich glaube, du, Patrick, hast es auch ein bisschen angesprochen, oder? Du wirst ja eben bisweilen auch hinzugezogen, wenn es eben um religiös praktische Fragen in den Zentren geht, oder? Und insofern seid ihr ja schon auch von von Beruf her auch religiöse Experten und Expertinnen durch eure Ausbildung. Und ich glaube, das ist schon ein Merkmal der Seelsorge, dass die Seelsorge auch auszeichnet und und sie auch klar irgendwo unterscheidet zu anderen Professionen, die es auch gibt in dem Bereich. Aber ihr habt natürlich, finde ich völlig zurecht auch den Fokus darauf gelegt, was eigentlich so die die persönlichen Eigenschaften betrifft für diesen Beruf. Und ich würde auch sagen, das ist das Allerwichtigste, dass man als Person irgendwie diese Seelsorge Aufgabe zurechtkommt und sich damit identifizieren kann. Oder wie sehr man ja bereit ist, sich auf diese Menschen und auf andere Kulturen ssituationen einzulassen, dass man dann plötzlich anfängt, vielleicht andere Dinge zu lernen, die man im Studium nie lernen kann oder das sind. Das sind schon andere Dinge, die dann extrem entscheidend sind. Es gibt eigentlich so zwei, zwei Hauptgrundlagen, sage ich jetzt mal für die Seelsorge in den Bundesasylzentren. Das eine ist eine Vereinbarung, die die Religionsgemeinschaften mit dem SEM abgeschlossen hat. Das ist eigentlich so die rechtliche Rahmung, und da geht es eben auch entsprechend um relativ trockene Dinge. Aus Vereinbarung ist es eben nicht ein Mandat oder ein Leistungsauftrag, denn die Seelsorge hat, sondern man man man vereinbart. Wer hat welche Aufgaben und von welchem Grundverständnis dieser Aufgabe gehen wir aus? Also sowohl das SEM wie auch die Religionsgemeinschaften. Es geht dann um praktische Dinge wie Wo findet Seelsorge statt? Es braucht es, um Zugang zu erhalten. Wer ist für welche Aufgaben zuständig? Wie geht man beispielsweise bei Differenzen um? Wie? Wer klärt die, Wo werden die geklärt etc.? Solche Dinge werden da definiert, aber eben auch ja, ich sage jetzt mal Grundwerte der Partnerschaft und der Zusammenarbeit, die wir eigentlich pflegen wollen oder als Religionsgemeinschaften mit demselben. Und dementsprechend ist das für uns ein wichtiges Dokument, auch um immer wieder darauf zurückzukommen Wenn man den Eindruck hat, dass da sind wir nicht auf dieser Linie etc.. Die neue Rahmenvereinbarung, die die wurde jetzt zwei tausend vier und zwanzig unterzeichnet und Vorgängerversion, die war noch von zwei tausend zwei. Die Leitlinien für die Seelsorge, das ist dann wiederum ein Dokument, das die Religionsgemeinschaften gemeinsam verantworten, wo sie eigentlich gemeinsam definieren, auf Basis von welchem Grundverständnis sie Seelsorge anbieten und wie sie Seelsorge gemeinsam verstehen wollen. Also das ist auch sehr wichtig und sicher auch bemerkenswert, weil es ein interreligiöses Dokument ist heute. Das zeigt auch, welche Entwicklung stattgefunden hat über die letzten Jahre. Also das ist eben heute auch eine muslimische Seelsorge gibt und nicht nur christliche Seelsorge. Also dass es dort in diesen Leitlinien auch reflektiert und und eben auch dort wichtig, so als als Orientierungspunkt oder aber es ist nicht einfach selbstverständlich oder dass man eben offen ist und auf alle zugeht und. Und auch ja ein sehr reflektierten Umgang hat, auch mit religiösen Themen. Oder dass sie nicht immer eine Rolle spielen, aber manchmal schon auch. Und dass man auch. Und ansonsten gibt es eben noch auch eine. Eine Art Rahmung von dem, was wir gemeinsam eben als als Basiskompetenzen verstehen. Auch um der Seelsorge ein möglichst gutes und akkurates Profil zu geben.

00:43:07: Speaker 2: Aus Ihrer praktischen Erfahrung heraus Wie klappt die Zusammenarbeit der Religionsgemeinschaften in den Zentren, wo ihr seid?

00:43:15: Speaker 4: Ach so, wir sind jetzt etwa fünf, sechs Jahre ein Team von reformiert katholisch und muslimischen Seelsorgern. Ein kleines Team von wenigen Leuten. Das ist sicher ein Vorteil. Man kennt sich sehr gut, die Wege sind kurz, man sieht sich relativ oft und ich finde, es geht eigentlich sehr gut so, aber es ist natürlich für die muslimischen Seelsorger. Da müsste man jetzt wirklich sie fragen, wie es ihnen damit geht. Wir als christliche Seelsorger haben natürlich einen großen Vorlauf, also überhaupt, wie Seelsorge definiert wird. Wir waren auch früher in diesen Strukturen drin, generell in Institutionen drin, und da gibt es eine gewisse behäbige Selbstverständlichkeit, die wir einfach mitbringen. Und das ist gut für uns. Und ich glaube, für die muslimischen Seelsorgern ist es wirklich eine große Herausforderung. Also mit einer christlichen Mehrheit mal zurande zu kommen, sich selber vielleicht eine seelsorgliche Identität neu geben zu müssen, weil das viele nicht verstanden haben in den muslimischen Communities ganz so nicht übertragbar ist was, was Seelsorge ist. Und dort ist die große Arbeit und ich glaube, von unserer Seite her christlicher Seite her ist es einfach wichtig, dass wir uns das immer wieder bewusst sind, ohne jetzt irgendwie Schwierigkeiten nicht anzusprechen. Das ist auch wichtig. Also dass man so eine gute, lernende Kultur hat, dass man auch schwierige Dinge ansprechen kann, Meinungsverschiedenheiten sein dürfen und und man versucht irgendwo da Wege zu finden. Ich finde, Schonen ist nicht gut und ich finde aber einfach auch nur so selbstverständlich. Einfach durchziehen ist auch nicht richtig. Also man muss irgendwas dazwischen finden.

00:45:03: Speaker 3: Ja, sehr schön, wie du das aufgezeigt hast. Ich ergänze nur etwas Kleines. Noch ist die verschiedenen Anstellungsverhältnisse. Es gibt eine Kollegin, die katholische Kollegin ist zu fünfzig Prozent angestellt und dann Wir anderen sind dann zu zwanzig Prozent angestellt. Und das ist auch wichtig, dass man da eine gute Zusammenarbeit sucht mit deinem Gewissen. Ob gewollt oder nicht. Ranggefüge, das es sich ergibt, wenn jemand mehr präsent ist an einem Ort ist automatisch kann das ein Gefüge geben, was nicht nur nur schlecht ist. Aber es ist ganz wichtig, dass man aktiv diese Zusammenarbeit auch sucht. Die gibt sich eigentlich nicht von selbst, weil man verschiedene Arten von Zusammenarbeiten kennt und auch pflegt. Und dann ist es schon wichtig, dass man wirklich auch das in unserem Fall in der Guglera ist, dass das Team selbst auch aktiv welche Sitzungen Vereinbart und wünscht. Regelmäßig treffen wir uns auch mit dem Sehen, dass wir gemeinsam unterwegs sind. Nicht nur als Team, sondern auch mit den anderen Strukturen. Aber das ist auch Teil unseres Aufgabenheftes, dass wir auch gut zusammenarbeiten mit den anderen Mitwirkenden.

00:46:20: Speaker 2: Also dass sie nicht wie so ein Satellit darum kreist. Und ich mache hier meine Seelsorge und alle anderen sind mit anderen Prozessen beschäftigt.

00:46:27: Speaker 3: Nein, gar nicht.

00:46:28: Speaker 2: Das wäre ja auch für die Menschen gar nicht gut, glaube ich.

00:46:31: Speaker 4: Ich glaube, es ist sehr wichtig, was du ansprichst. Also die Anstellungsbedingungen, die sind jetzt bei uns in Bern wirklich so, wie man es sich wünschen könnte, sind nämlich alle zu den gleichen Bedingungen angestellt. Und das ist nicht in jedem Bundesasylzentrum in der Schweiz so! Ich befürworte aber eigentlich unser Modell sehr, weil ich finde, wir machen die gleiche Arbeit, Das sollen wir auch gleich bezahlt sein und die gleichen Bedingungen haben. Auf der anderen Seite hat es den Nachteil, dass dann halt einfach eine bei uns jetzt die reformierte Kirche Bern, Jura Solothurn auch das Sagen hat, wie diese Bedingungen sind. Und die sind vielleicht jetzt für Muslime auch nicht immer optimal, weil ja, die Muslime sind in ihren muslimischen Gemeinschaften und würden die Akzente vielleicht unterschiedlich setzen. Wir haben das Modell jetzt einfach alle sind für alle da. Also die Muslime sind für die Christen und die Christen für die Muslime und was schon sonst noch für alles gibt. Den Preis, den man dafür zahlt, ist auch, dass man wirklich offen ist und aushandelt, was was heißt denn für alle? Und was heißt es denn, wenn einfach mal etwas Konfessionelles kommt? Wie gehen wir dann damit um? Wenn jemand jetzt ein Totengebet hören möchte, dann gehe sicher nicht ich als reformierte Seelsorgerin ans Grab. Da schicke ich natürlich sehr gerne einen muslimischen Kollegen. Oder er schickt sich selber. Muss man ein bisschen herausfinden, Wo macht es Sinn, dass man konfessionell vorgeht und und wo macht es überhaupt keinen Sinn?

00:47:50: Speaker 2: Ich will noch mal, bevor wir enden, euch auch die Möglichkeit geben. Ihr habt jetzt sehr oft gesagt, die Arbeit ist für mich so wertvoll, weil ich auch für mich ganz viel mitnehme. Könnt ihr euch gerade ohne das Seelsorgegeheimnis zu verletzen, an eine Situation erinnern, wo ich gesagt habe Das hat mich total gepackt. Oder die Geschichte hat mich sehr geprägt, was ich da mit dem Menschen erlebt habe.

00:48:14: Speaker 3: Letzte Woche war ich im Wald mit einem Flüchtling und er hatte kein Auge mehr für die Natur. Er hat das auch so gesagt. Ich sehe das Schöne nicht mehr in der Natur. Und dann haben wir im Wald still gehalten, haben ein bisschen den Vögeln zugehört und die Bäume angeschaut. Und die Blümchen. Jetzt im Frühling ist das so schön. Dann sind wir weiter gelaufen. Ich war wahrscheinlich zwei Stunden unterwegs und am Schluss hat er geheult und wir haben uns umarmen. Das sind schon spezielle Momente, ganz speziell. Aber ich weiß nicht, ob ich ihn das nächste Mal treffe.

00:48:52: Speaker 2: Du hast ja mal in einem Artikel geschrieben, das sei eine Hoffnungsachterbahn.

00:48:56: Speaker 3: Ja, das ist ja jetzt noch mit da? Mit Ostern. Genau, wo man so von Hoffnung spricht. Ja, ja. Ist nicht immer ganz einfach. Ja.

00:49:05: Speaker 4: Es ist ganz schwierig, einfach nur eine Geschichte zu erzählen. Mir kamen Hunderte in den Sinn. Was mich gerade beschäftigt, ist, ist eine Frau, die vergewaltigt wurde. Und das höre ich leider sehr oft, dass Frauen, auch Männer, vergewaltigt werden. Das sind immer sehr, sehr schwierige Geschichten für die Menschen. Und diese Frau ist jetzt die erste in meinen fast zehn Jahren Tätigkeit in diesem Feld, die wirklich alles daran gesetzt hat, diesen Menschen auch anzuzeigen. Und ich fand es unheimlich stark, weil die meisten Menschen, die solche Sachen erlebt haben, nebst allen anderen Schwierigkeiten, haben einfach keine Kraft dazu. Und sie hat sie gehabt und ich finde das wahnsinnig toll. Also mich hat das total aufgestellt, was die für einen Willen und einen Biss hat und und jetzt einfach Gerechtigkeit will.

00:49:56: Speaker 2: Ich möchte gerade uns Menschen und die da draußen mitnehmen, die ja keinen Zugang zum Bundesasylzentrum haben. Gibt es trotzdem irgendeine Möglichkeit für uns als Zivilgesellschaft etwas zu tun? Kann man sich irgendwie einbringen?

00:50:13: Speaker 4: Tausendfach. Nein, es gibt auf allen Ebenen, sei es politisch, sei es irgendwie auf kantonaler Ebene irgendwo, dass man Initiativen ergreift, sei es ganz privat, dass man ein Tandem macht mit einem Menschen auf der Flucht oder dass man in einem Verein mitmacht. Da gibt es auch Hunderte von Vereinen, die sich kümmern um. Oder NGOs, die sich kümmern um die Anliegen von Menschen auf der Flucht. Und ich denke, alles ist wertvoll. Einfach sich mal einem Menschen anzuvertrauen und mal mit ihm ins Gespräch zu kommen. Das ist auch schon so viel wert und unbedingt wichtig, dass diese Menschen sich hier auch einfügen können und verstehen, wie das System hier läuft, wie die, wie die Menschen ticken, was es braucht und. Und die Kirchgemeinden bieten natürlich ganz gute Plattformen an, um sich zu engagieren, sei es eben in einem Deutschkurs vielleicht mitzumachen oder einen Mittagstisch mitzugestalten. Also die Kirchgemeinden sind wirklich super Orte, um diese Art von Begegnung zu ermöglichen.

00:51:20: Speaker 3: Dann sind ganz viele Asylsuchenden sind im Bus heute. Jetzt gerade. Sind unterwegs, sind vielleicht in einem Park. Und da kann man ihnen ein Lachen schenken. Oder kann sich sogar Zeit nehmen. Vielleicht um einen kurzen Austausch ohne viele sprachliche Kenntnisse ihrer Sprache oder einfach ab und zu eine kleine Aufmerksamkeit. Das kann schon viel bewirken. Und das passiert übrigens auch. Ich höre von Leuten, die im Zug oder im Bus sind und sie wissen nicht, auf welchem Gleis. Oder sie sind verloren. Und dann hat ihnen jemand irgendwie weitergeholfen und das war dann einfach. Das macht so Spaß und das gibt ganz viele Möglichkeiten. Wichtig die Augen zu öffnen und am besten die Mitmenschen in unserem Alltag zu wahrzunehmen und zu schauen. Vielleicht ist jemand da.

00:52:06: Speaker 2: Es kommt mir manchmal so vor, dass die Seelsorgenden fast so die einzige menschliche Stimme in einem unmenschlichen System sind. Wenn ihr es könntet und dürfte, würdet ihr das System ändern.

00:52:18: Speaker 4: Also ich möchte zuerst sagen nein, Ich glaube sehr, sehr viele Leute, die in einem Bundesasylzentrum arbeiten, versuchen Mensch zu sein und menschlich zu sein. Also ich würde das wahrscheinlich neun und neunzig Prozent attestieren, dass sie das eigentlich probieren. Und die Rollen sind aber natürlich ganz verschieden verteilt. Und ein Security hat natürlich eine andere Rolle als ich als Seelsorgerin. Und das Wort Privileg haben wir jetzt schon ein paar Mal gehört von dir. Patrick Und es ist so Ja, wir dürfen, wir dürfen das wirklich quasi professionell umsetzen, das Menschsein. Und das ist wirklich ein Privileg. Das erhalten dadurch natürlich auch viel Sympathie vonseiten der Asylsuchenden, weil sie diese Menschlichkeit natürlich schätzen. Darf ich noch zum anderen, zur anderen Frage etwas sagen? Oh ja, ich würde, glaube ich, sehr viel ändern wollen. Aber ich reduziere mich jetzt auf eine Sache, die mir wirklich ein sehr großes Anliegen ist. Also die sozialen Beziehungen in diesem Asylprozess, die haben fast keinen Stellenwert. Es werden Familien auseinandergerissen, es werden durch das viele Verlegen der Menschen, wenn sie immer wieder aus dem herausgerissen, was gemeinschaftlich ist, was, was ein bisschen Halt und eben auch Sicherheit gibt. Oder man spricht immer über Sicherheit. Aber Sicherheit ist nicht nur einfach, dass vor allem viele Security Menschen dastehen, das ist auch ein Teil der Sicherheit. Selbstverständlich. Aber Sicherheit erhält ein Mensch eben auch dadurch, dass er sich jemandem anvertrauen kann, dass er, dass er in Beziehung steht mit Menschen, dass es ein Umfeld gibt, das ihm wohlgesinnt ist. Da gehören natürlich Familienbünde primär dazu. Und in unserem System wird Familie so definiert, dass es einfach nur für die Kernfamilie mit den minderjährigen Kindern gilt. Und Familiengefüge sind logischerweise viel mehr als das. Und dieses Auseinanderreißen von Familien ist wirklich einfach etwas, woran ich sehr mit den Menschen mitleidet. Das ist, glaube ich, letztlich auch kontraproduktiv für die ganze Gesellschaft. Sie sind isolierter, sie sind deprimierter, sie sind verunsicherter. Und das muss, das muss die Gesellschaft auffangen. Und eigentlich haben wir keine Kapazität dazu. Sie könnten sich gegenseitig unterstützen, und das wird ihnen verunmöglicht in diesem System.

00:54:36: Speaker 3: Amen.

00:54:40: Speaker 4: Komm jetzt. Du hast auch noch was zu sagen.

00:54:44: Speaker 3: Das war so toll. So schön. Das geht nicht besser.

00:54:49: Speaker 2: Dann enden wir auf dieser High Note oder Note. Wie auch immer, ich danke euch allen dreien wirklich für das super Gespräch. Merci.

00:54:57: Speaker 3: Danke dir.

00:54:57: Speaker 5: Ich danke dir. Danke euch.

00:55:00: Speaker 4: Merci vielmals.

00:55:01: Speaker 2: Und das heutige Abschlusszitat stammt aus einem Text Spiritualität in der Seelsorge. Und er schreibt da über Geflüchtete.

00:55:10: Speaker 1: Lichtreflex.

00:55:12: Speaker 2: Sie möchten nicht nur ansehen, genießen und dazugehören, sondern auch etwas tun. Als selbständige und starke Menschen möchten sie mitwirken, selber helfen, ihre Dankbarkeit zeigen, etwas zurückgeben. Flüchtlinge wollen nicht nur nehmen, sondern auch geben. Kann ich das als Seelsorger auch nehmen? Eine Spiritualität verändert sich durch diese starken, tatkräftigen und hoffnungsvollen Menschen. Ich nehme ihre Kraft wahr und nehme sie entgegen. Ich helfe mit, ihre Kraft zu transponieren in eine Kraft, die andere ansteckt und aufrichtet. Ihre Kraft stellt mich selber auf. Ja, liebe Community, merci fürs Dabeisein und Mitdenken. Ihr hört diesen Podcast nicht nur auf der Webseite exess, sondern auch noch auf Apple Podcasts und allen anderen gängigen Plattformen. Abonniert uns da und verpasst keine neuen Folgen. Und über fünf Sterne Bewertungen freuen wir uns ganz besonders. Merci! Auf Instagram und Facebook findet ihr die neusten Posts der Ex und es gibt uns auch bei LinkedIn. Das nächste Mal wird in diesem Podcast weniger gelabert, sondern vielmehr gesungen. Und zwar geht es um Singsonntage und allgemein Singen in der Kirche. Da habe ich zwei interessante Gäste, nämlich Christine Stark und Daniel Infanger. Und ich verspreche euch, ich werde nicht singen, weil ich kann überhaupt nicht singen. Aber Gesang ist wichtig in der Kirche. Also Halleluja. Bis dahin bleibt reflektiert bei.

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